Cuba

Kuba 2013

Transatlantische Verflechtungen in der Karibik: Koloniale Ordnungen und ihr heutiges Erbe

Bericht zur LAI-Studienexkursion vom 24.2. bis 10.3. 2013 nach Kuba zum Thema: "Transatlantische Verflechtungen in der Karibik: Koloniale Ordnungen und ihr heutiges Erbe"

Leitung: Dr. Claudia Rauhut, Prof. Dr. Manuela Boatcă

Kuba Exkursionsgruppe © Betty Quevedo Rodríguez
Kuba Exkursionsgruppe
Bildquelle: Betty Quevedo Rodríguez

Die Kuba-Exkursion wurde vom 24.02. bis 10.03.2013 mit 13 Studierenden des Lateinamerika-Instituts, zwei Studierenden des Master Sozial- und Kulturanthropologie (FU Berlin), einem Studierenden des Master Sozialwissenschaften der HU Berlin sowie einer Post-Doktorandin durchgeführt. Die Planung, Organisation und Leitung erfolgte durch Dr. Claudia Rauhut und Prof. Dr. Manuela Boatcă vom LAI sowie durch Unterstützung kubanischer Kolleg/innen vor Ort. Sie wurde durch Mittel des LAI und des FU Mobilitätsprogrammes PROMOS sowie durch Eigenmittel finanziert. Die Exkursion wird durch eine Fotographie-Ausstellung im Raum 201 des Lateinamerika-Instituts (ab Juli 2013) dokumentiert. Während des zwei Semester laufenden Projektmoduls „Die Karibik in der atlantischen Welt: Gesellschaften, Kulturen, Verflechtungen“ (SoSe 2012, WiSe 2012/13, Dr. Rauhut/Prof. Dr. Boatcă) bereitete sich die Gruppe auf grundlegende Exkursionsinhalte in Form von einschlägigen Seminartexten, Gastvorträgen, Diskussionen und Referaten vor.

Die Exkursion beschäftigte sich mit dem heutigen Erbe der Sklaverei und ihrer erinnerungsgeschichtlichen Aufarbeitung und den bis zur Gegenwart wirksamen Mustern kolonialer Ordnungen. Letztere können die Form von Ungleichheiten in Bezug auf „Rasse“, Gender, soziale Herkunft annehmen. Nach Kuba wurden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert ca. 2 Millionen Sklavinnen und Sklaven aus West- und Zentralafrika verschleppt. Sie bildeten die Stütze einer weltmarktführenden Zuckerrohrplantagenwirtschaft, welche die geostrategische Rolle Kubas innerhalb der Karibik, USA und der atlantischen Welt nachhaltig prägte. Die Sklaven/-innen und ihre Nachfahren standen seitdem am untersten Ende einer rassisch-hierarchischen Gesellschaftsordnung, die nicht mit dem offiziellen Ende der Kolonialzeit überwunden war, sondern sich bis heute in fortdauernder sozio-ökonomischer Exklusion, kulturellen Stereotypen und rassistischer Diskriminierung gegenüber der schwarzen Bevölkerung Kubas widerspiegelt. Zugleich brachten sie kulturelle, religiöse und linguistische Traditionen aus Afrika ein, die im Zuge kreolischer Transformationen afrokubanische Religionen, Musik- und Tanzstile entstehen ließen. Migrationen und globale Tourismus- und Konsumindustrien haben seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu ihrer weltweiten Verbreitung bei gleichzeitiger Verankerung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten beigetragen.

Die Exkursion setzte sich in diesem Spannungsfeld mit dem Umgang mit „afrikanischem Erbe“ auf der Ebene der institutionellen und alltagsbezogenen Praktiken auseinander und betrachtete dabei insbesondere die (kultur)politische Situation der sozialistischen Gesellschaft Kubas. Es wurden in interdisziplinärer Perspektive heutige Identitätspolitiken beleuchtet, die auf „Afrika“ und  „afrikanisches Erbe“ verweisen, etwa innerhalb afrokaribischer Religionen, kultureller, intellektueller und künstlerischer Produktionen oder in sozio-politischen Mobilisierungen der Afrodescendientes (Nachkommen der Sklav/innen). Zu diesem Zweck trafen wir ausgewählte akademische und außeruniversitäre Expert/innen vor Ort und lernten deren spezifische Handlungsfelder und Einbettung in lokale Institutionen kennen.

In der ersten Woche in Havanna fanden an folgenden wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen Vorträge, Diskussionsrunden, Workshops und runde Tische statt: Universidad de la Habana, Asociación Cubana de las Naciones Unidas, Casa de África, Centro de Investigaciones Sociológicas y Psicológicas, Centro de Estudios de Migraciones Internacionales, Casa de las Americas, Asociación Cultural Yoruba de Cuba, Museo de Regla. Historiker/innen, Anthropolog/innen und Soziolog/innen referierten über die zentrale Rolle Kubas und der Karibik in der Auseinandersetzung mit Sklaverei und Kolonialherrschaft, deren langfristigen Folgen und heutige  Aufarbeitung, etwa im Rahmen des globalen UNESCO Projektes „La Ruta del Esclavo“, über strukturelle Formen rassistischer Diskriminierung in dem besonderen politisch-ideologischen Kontext Kubas und neue Räume anti-rassistischer Mobilisierung in Kuba, über die Bedeutung der katholischen und protestantischen Kirchen und afrokubanischen Religionen im kubanischen Transformationsprozess und innerhalb der Transnationalisierung sowie über den Wandel kubanischer Migration seit den 1990er Jahren. Die LAI-Studierenden tauschten sich darüber hinaus mit Studierenden der Universität Havanna über Lehrinhalte, Studiengänge, Partnerschaften und allgemeine Universitätsstrukturen aus.

Auf einer Busrundreise über Cienfuegos, Palmira, Camagüey und Santa Clara wurden in der zweiten Woche wichtige Erinnerungsorte und Gedenkstätten im Zusammenhang mit der Sklaverei (Zuckermühlen, Ruinen von Sklavenplantagen), sozio-kulturelle Organisationen afrokubanischer Religionen (Cabildos), Archive mit einzigartigen Dokumenten aus der Kolonialzeit sowie zentrale Schauplätze der sozialistischen Revolution und ihre Memorialkultur besucht. In allen Städten führten wir mit lokalen Expert/innen historische Stadtführungen und diverse Museumsbesuche durch. Die Exkursion wurde begleitet durch ein studentisches Filmprojekt zur Annäherung an afrikanisches Kulturerbe an kubanischen Erinnerungsorten. Insgesamt waren die Inhalte, Personen, interkulturellen Begegnungen, Erfahrungen und Lernprozesse der Exkursion sowie die gruppeninternen Interaktionen eine große Bereicherung und Inspiration für alle Beteiligten, die neue Forschungsideen, -projekte und Kooperationsmöglichkeiten hervorbrachten.