Cuba

"Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 21. Jahrhunderts: der Fall Mexiko im internationalen Kontext"

Projektleitung: Marianne Braig, Anne Huffschmid

Projektdurchführung: Anne Huffschmid (zur CV)

Gefördert durch: Deutsche Stiftung Friedensforschung


Die Studie erkundet die politische, kulturelle und soziale Wirkmacht einer regierungsunabh
ängigen forensischen Anthropologie. Untersucht wird am Fallbeispiel Mexiko das Potenzial einer menschenrechtsorientierten Forensik, wie sie in Argentinien in den 1980er Jahre für die Aufarbeitung staatsterroristischer Verbrechen entwickelt wurde, für die gesellschaftliche Verarbeitung von Gewaltkonflikten des 21. Jahrhunderts. Einer solchen Forensik ging es darum, wie in einer Pilotstudie (DSF) herausgearbeitet wurde, ehemals Verschwundeneals soziale Wesen zu konstituieren und in den sozialen Raum zurückzuholen, Angehörigen – insbesondere gegenüber staatlichen Behörden – zu ihren Rechten zu verhelfen, aber auch die dahinter stehenden Verbrechen/smuster zu rekonstruieren. Untersucht werden soll nun, wie ein solcher Zugang im Fall Mexiko mit seiner anhaltenden Gewaltkrise, einer tief verankerten "Kultur der Straflosigkeit" und einer Diversifizierung von Gewaltakteuren wirken kann.

Die Untersuchung, die sich im Feld einer kulturwissenschaftlichen Gewalt-und Erinnerungsforschung verortet, versteht eine so geartete forensische Anthropologie als Dispositiv der Sichtbarmachung im doppelten Sinne: als soziale Materialisierung weitgehend unsichtbarer Gewaltzusammenhänge, und als Visualisierung, also Erzeugung von Bildern, die auf die soziale Imagination von extremer Gewalt einwirken. Mit einem bereits erprobten Set kulturwissenschaftlicher Methoden die ethnographische Begleitung eines in Mexiko neu gegründeten forensischen Teams, visuelle Feldzugänge (Fotografie, Video) sowie bild- und diskursanalytische Lektüren sollen vor allem drei Fragen nachgegangen werden: Erstens, die Frage nach Vertrauen und Legitimität als zentrale Ressource für den forensischen Prozess, kaum weniger bedeutsam als (kriminal)technische Expertise. Zweitens, die Rolle transnationaler Wissenstransfers in diesem Prozess, insbesondere die Wirkmacht der argentinischen Erfahrung und Expertisen. Und drittens die Frage nach der Macht und ambivalenten Bedeutung forensischer Bildproduktion: Die Rolle der Fotografie bei Exhumierung, Identifizierung und Restitution, in den Bildstrategien von Gewaltbetroffenen, aber auch im medialen oder wissenschaftlichen Bilddiskurs, sowie die Frage einer visuellen Ethik. Diskutiert und praktisch erprobt sollen schließlich Elemente einer anderen forensischen Bildlichkeit.