Tiwanaku

Tiwanaku, Blick auf Ponce Monolith
Tiwanaku, Blick auf Ponce Monolith
Bildquelle: Anne Ebert

Seit der frühen Kolonialzeit ziehen die Ruinen der Monumentalbauten von Tiwanaku, jenes auf über 3800 m Höhe in den südlichen Zentralanden ca. 20 km vom Titicacasee entfernt liegenden Ortes, das Interesse von Eroberern, Chronisten und Reisenden auf sich. Wer hatte sie erbaut und wer dort einst gelebt? Wann wurden sie errichtet? Sind es die Ruinen einer panandinen religiösen Wallfahrtsstätte? Oder sind es die sichtbaren Überreste eines machtvollen, militärisch expandierenden, zentralisierten Staates? Mit diesen Fragen haben sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts Archäologen beschäftigt, die – je nach wissenschaftlichem oder auch nationalem Hintergrund – zu recht unterschiedlichen Interpretationen der Stätte und der mit dieser verbundenen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ordnung kamen.

Die Anfänge Tiwanakus gehen auf das Späte Formativum 1 (200 v.Chr.-250 n.Chr.) zurück. Dieser Zeitraum ist von der Pukara-Kultur im nördlichen Titicaca-Becken geprägt, deren Einfluss jedoch um 200 n.Chr. schwindet und sich in der Veränderung von Handelsrouten und der regionalen Machtverhältnisse niederschlägt. Im südlichen Titicaca-Becken beginnt sich in der Folgezeit Tiwanaku als wichtige Siedlung herauszukristallisieren und wird zum Zentrum des überregionalen Karawanenhandels. Diese Entwicklung wird unterstützt durch die Intensivierung der Landwirtschaft, insbesondere durch die Ausweitung der als camellones bekannten bewässerten Hochbeete, sowie durch die Zucht von Lamas, die neben ihrer Bedeutung als Wolle- und Fleischlieferanten auch das wichtigste Transportmittel darstellen. Hinzu kommen Innovationen in der Keramik- und Metallherstellung und -verarbeitung.

Im Späten Formativum 2 (250-500 n.Chr.) verstärkt sich diese Entwicklung: In Tiwanaku entstehen mit dem abgesenkten Tempel und dem inneren Tempel von Kalasasaya die ersten Monumentalbauten, in deren Nähe Wohnkomplexe sozial privilegierter Gruppen errichtet werden. Auch anhand der zunehmend selektiven Verteilung wertvoller Güter sowie der Gebrauchs- und zeremoniellen Keramiken wird eine wachsende soziale Differenzierung in Tiwanaku deutlich. In dieser Phase etabliert sich die für die Tiwanaku-Kultur typische mit roter Schlämmung überzogene Keramik, deren polychrome Bemalung anthropomorphe Wesen, Raubkatzen, Raubvögel, Schlangen und Fische sowie geometrische Stufen- und Wellenmuster zeigt. Auch neue Gefäßformen erscheinen, die zur Fermentation, zur Aufbewahrung und zum Verzehr von Speisen und Getränken dienten. Diese werden im Rahmen des gemeinschaftlichen Konsums der von den gesellschaftlichen Eliten gesponserten Feste gebraucht, die als Momente der sozialen Integration und Konsolidation der gesellschaftlichen Ordnung immer wichtiger werden. Gegen Ende dieser Phase ist Tiwanaku zum wichtigen Ritual- und Siedlungszentrum von ca. 1 km² Größe geworden, das ein überregionales Austauschsystem von materiellen und immateriellen Gütern organisierte. Die geographische Expansion basierte dabei auf politischen Allianzen, die einzugehen für die entsprechenden Gemeinden attraktiv war, da sie ihnen den Zugang zu anderen Gütern ermöglichten.

Tiwanaku, Ponce Monolith
Sogenannter Ponce Monolith
Bildquelle: Anne Ebert

In der Tiwanaku 1-Phase (500-800 n.Chr.) kommt es zur Blüte Tiwanakus, die von Bevölkerungswachstum, dem Bau weiterer Monumentalbauten und dem Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen mit weiter entfernten Regionen geprägt ist. Die ständige Bevölkerungszahl Tiwanakus steigt auf ca. 10 bis 20 Tausend Menschen, wobei sich vor allem während der Feste deutlich mehr Menschen in Tiwanaku aufgehalten haben. Zwischen 600 und 700 n.Chr. kommt es zu Um- und Neubauten der monumentalen Bauwerke in Tiwanaku. Ältere Konstruktionen wie der abgesenkte Tempel und Kalasasaya werden erneuert, an Akapana und Pumapunku wird weiter gebaut und Putuni wird komplett erneuert. So vergrößert sich die Stadtfläche in dieser Zeit und umfasst gegen Ende der Tiwanaku 1-Phase ca. 6 km², wobei aber nur die Hälfte Wohnraum darstellt, während die andere Hälfte von rituellen Monumentalbauten, Kanälen, Lagern und Wasserreservoirs eingenommen wird. Die architektonischen Veränderungen, die eine wachsende Rolle ritueller und religiöser Zeremonien widerspiegeln, deuten auf eine sich verfestigende soziale Hierarchie hin. Um ihre Macht zu sichern werden die von den gesellschaftlichen Eliten gesponserten Feste immer wichtiger, für die ein Großteil der landwirtschaftlichen Produktion verwendet und zudem beständig mehr Güter aus anderen Regionen gebraucht werden. Tiwanaku, dem daher in dieser Zeit ein imperialer Charakter zugeschrieben wird, bezieht seine Ressourcen wie Salz, Mineralien und Erze aus Potosí, Nordchile und Nordwestargentinien, bewusstseinsverändernde Substanzen und exotische Gegenstände aus den Tälern des östlichen Andenabhangs, und aus den klimatisch gemäßigteren Tälern von Cochabamba und Moquegua den für die Chicha (Maisbier) der Feste wichtigen Mais sowie Coca, Chili und Früchte. Die Kontrolle Tiwanakus über diese Gebiete variierte: teils basierte sie auf inkorporierenden Strategien, die lokal autonome Gemeinschaften einband, teils auf kolonialisierenden. Ab 700 n.Chr. nahmen die Kontakte mit dem nördlicheren Wari-Staat zu, der kreativ Merkmale der Tiwanaku-Ikonographie aufgriff. Dies führte dazu, dass in der Forschung lange von einem „Tiwanaku-Horizont“ (600-1000 n.Chr.) gesprochen wurde.

Die Tiwanaku 2-Phase (800-1150 n.Chr.) ist zunächst durch die wachsende Intensivierung der politischen Zentralisierung, die nun zum Teil von militärischen Handlungen begleitet war, gekennzeichnet. Die sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit immer stärker ausdifferenzierenden Fraktionen der gesellschaftlichen Elite in Tiwanaku bedurften nicht nur für die Legitimierung ihrer privilegierten sozialen Position, sondern auch um sich von anderen Fraktionen dieser Elite abzugrenzen, gemeinschaftlicher Feste. Für die Durchführung dieser musste die Versorgung mit Gütern aus verschiedenen geographischen Regionen sichergestellt werden. Als es um das Jahr 1000 n.Chr. zu einer langanhaltenden Dürre kam, wirkte sich diese wie ein Katalysator auf bereits bestehende soziale und politische Fragmentierungen aus. Das Ausbleiben der für die Feste notwendigen Lebensmittel, führte zur teils gewalttätigen Infragestellung der privilegierten Stellung der Eliten. Die Zerstörung von Ritual- und Wohnanlagen der Oberschicht, sowie die wichtigster religiöser Symbole, wie die der als mythische Vorfahren geltenden Monolithen, die enthauptet, entstellt und rituell begraben werden, sind ein deutliches Bild des gesellschaftlichen Auseinanderfallens. In der Folgezeit kommt es in der ganzen Region um den Titicacasee zum Bevölkerungsrückgang und weite Teile Tiwanakus werden verlassen.

Trotz der weiteren Zerstörungen und Plünderungen Tiwanakus während der Kolonialzeit durch die Spanier, die die Steine für den Bau von Kirchen und Brücken bis nach La Paz brachten, gelten die Ruinen Tiwanakus bis heute für kollektive Narrative als bedeutsam. Erlangte Tiwanaku bereits seit der Mitte des 20. Jahrhunderts im Zuge erster Rekonstruktionen der Monumentalbauten eine Aufwertung als nationales Kulturerbe, ist es seit dem Jahr 2000 mit der Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe und den späteren Auftritten von Evo Morales 2006 und 2010 anlässlich seiner Wahl als Präsident Boliviens auch auf globaler Ebene bekannt und zum Referenzort speziell für indigene Bewegungen und ihre alternativen, plurikulturellen Gesellschaftsvorstellungen geworden.

 

Anne Ebert