Indigene

Indigener Verwalter tributpflichtiger Indios
Indigener Verwalter tributpflichtiger Indios
Bildquelle: Königliche Bibliothek Kopenhagen, www.kb.dk/permalink/2006/poma/769/en/text/?open=id2977300

Die Spanier waren seit ihrer Ankunft auf die indigene Bevölkerung angewiesen. Diese bildete daher neben den Spaniern eine weitere Säule der Kolonialgesellschaft. Um sie vor den ausufernden Übergriffen durch die spanischen Konquistadoren und encomenderos zu schützen, siedelte die spanische Krone die indígenas seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in sogenannten reducciones de indios an, die der Verwaltung der república de indios zugeordnet waren. Diese unterstanden zwar wie die república de españoles direkt der spanischen Krone, unterlagen allerdings einer eigens für sie geschaffenen Jurisdiktion.

Wie schon in vorspanischer Zeit errang der indigene Adel auch in der Kolonialgesellschaft eine bevorzugte Rolle. Sowohl im mesoamerikanischen als auch im andinen Raum behauptete sich die indigene Oberschicht bereits seit der frühen Kolonialzeit als Mittler zwischen den Spaniern und der indigenen Bevölkerung.

Da die kurakas jedoch eher Befugnisse als Macht besaßen, sahen sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts, insbesondere im Andenraum, die Notwendigkeit, ihre Stellung in der Kolonialgesellschaft zu festigen. Es entwickelte sich ein kulturelles Phänomen, das als renacimiento inca bekannt wurde und bei dem die Nachkommen indigener Herrscher ihre indigene Vergangenheit mit Stolz hervorhoben. Diese Rückbesinnung auf die vorspanische Vergangenheit ging nicht nur von Seiten der indigenen Oberschicht aus, sondern wurde auch von spanischen Autoritäten, angesehenen Kreolen und Mestizen und sogar der Kirche befürwortet. Das Ende der Kampagnen zur „Ausrottung des Götzenglaubens“ Mitte des 17. Jahrhunderts schien die möglichen Gefahren, die die Erinnerung an die indigene Vergangenheit in einer christlichen Gesellschaft bedeutetet haben mochten, gebannt zu haben. Dadurch erhielten die kurakas als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Kulturen eine zunehmend tragende Rolle. 

Tupac Amaru I. und Sayri Tupac
Inkaadel bei der Hochzeit von Loyola mit der Nusta Beatriz
Bildquelle: Museo Pedro de Osma, Lima

Die Inkanachkommen sahen sich durch die offizielle Anerkennung ihrer Vergangenheit bestärkt und so verherrlichten sie ihre imperiale Geschichte in Gemälden, in ihrer Kleidung und ihrem Schmuck. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde es üblich, die Porträts der Inkaherrscher öffentlich in Kirchen, Klöstern, Häusern und sogar im cabildo aufzuhängen. Die indigenen Adligen demonstrierten ihren hohen sozialen Status in der Kolonialgesellschaft, indem sie auf den Bildern eine teils an die inkaischen, teils an die spanischen Traditionen, angelehnte Kleidung trugen.

Der indigene Adel bediente sich europäischer figürlicher Ikonographie, die ihnen in christlichen Schulen beigebracht worden war, und setzte sie strategisch ein, um ihre Ansichten kundzugeben. Gewisse Formen und Themen spielen auf die indigene Vergangenheit an, können jedoch trotzdem nicht als vorspanisch verstanden werden. So war nun beispielsweise die Keramik glasiert und die kerus (inkaische Zeremonialbecher) und Textilien wurden statt mit geometrischen jetzt mit szenischen Bildern verziert; Symbole wechselten ihre Bedeutung und Form.

Im öffentlichen Leben profilierten sich die kurakas durch szenische Repräsentationen, die sie als Hauptakteure auf christlichen Festen, wie den Fronleichnamsprozessionen, zeigten. Dieses Auftreten erfreute sich immer größerer Beliebtheit und fand eine weite Verbreitung. Erst im Zuge der Rebellion Tupac Amarus II. im Jahre 1781, die schließlich von den Spaniern niedergeschlagen wurde, verbot die spanische Kolonialverwaltung sämtliche Zurschaustellungen inkaischer Attribute oder Anspielungen auf die inkaische Vergangenheit.

 

Peggy Goede