Casta Gemälde

De castizo y mestiza, chamizo
Castizo y Mestiza, Miguel Cabrera, 1763, Mexiko
Bildquelle: Museo de América, Madrid, Inv. No. 00012

Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich im Vizekönigreich Neu-Spanien, dem heutigen Mexiko, ein ungewöhnlicher und neuer, säkularer Gemäldetypus, der als Casta-Gemälde bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um Serien von zumeist 16 Bildern, die unterschiedliche Familiengruppierungen darstellen, die die ethnische Diversität der kolonialen Gesellschaft verdeutlichen.

Auffällig ist die Ähnlichkeit der einzelnen Gemälde, die immer ein Paar unterschiedlicher ethnischer Herkunft mit seinem Kind zeigen. Eine dazugehörige Bildinschrift verdeutlicht die Verbindung und erklärt z.B. „Von einem Spanier und einer India wird ein Mestize geboren“. So werden allen drei Personen, den Eltern und dem Kind, unterschiedliche Bezeichnungen wie „Spanier“, „India“, „Mestize“ oder in anderen Bildern auch „Mulatte“ oder „Coyote“ zugeordnet. Die Serien verdeutlichen damit verschiedene „Prozesse der Vermischung“ zwischen Spaniern, Indigenen und Afrikanern.

Insbesondere die Bezeichnungen der Inschriften haben zu der Assoziierung der Gemälde mit dem sogenannten Casta-System geführt, mit dem einer idealen gesellschaftlichen Ordnung Ausdruck gegeben wurde. Darin werden den Spaniern sozial privilegierte und der restlichen, „gemischt-rassigen“ Bevölkerung, den Castas, sowie den Indigenen und den Afrikanern, sozial untergeordnete Positionen zugeordnet. In den Casta-Gemälden spiegelt sich dieses Ideal der kolonialen Eliten in komplexen Formen wider, mittels derer die Zuschreibung und Identifikation mit einer sozialen Kategorie geschah. Je nach Bezeichnung werden die abgebildeten Personen neben unterschiedlichen physischen Merkmalen, wie der Haut- und Haarfarbe, vor allem durch das Tragen von bestimmter Kleidung und den ausgeübten Tätigkeiten differenziert. Sie werden z.B. beim Verkauf von Waren oder bei Handwerken, wie dem des Schusters oder Schneiders, dargestellt. Die Bilder zeigen Innenräume wie auch Straßen- und Landschaftsszenen. Während ein Spanier z.B. im Samtanzug in einem reich ausgestatten Zimmer als auf einem Sessel Zigarette rauchend zu sehen ist, wird eine „Mulata“ dagegen gezeigt, wie sie in zerschlissener Kleidung vor einer „armseligen“ Bambushütte an einem Stand Speisen verkauft.

De lobo e india, albarasado
Lobo e India, Miguel Cabrera, 1763, Mexiko
Bildquelle: Museo de América, Madrid, Inv. No. 00008

Die Einordnung in Kategorien erfolgte nicht nur aufgrund physischer Merkmale, sondern auchin Hinsicht auf soziale und moralische Eigenschaften, die die allgemeine "Qualität" eines Menschen zeigten. Die Qualität stand wiederum in engem Zusammenhang zur Physis eines Menschen, da die spanische Oberschicht glaubte die Charaktereigenschaften eines Menschen an seinem Äußeren, wie z.B. an seiner Kleidung erkennen zu können.

Insofern schaffen die Gemälde eine visuelle Verbindung zwischen Zuordnungskriterien zu sozialen Kategorien und einer diesen Kategorien zugeschriebenen Herkunft. In den Casta-Gemälden werden somit Vorstellungen von der „Reinheit des Blutes“ und einer „Vermischung“ (mestizaje) transportiert, wie sie im Zusammenhang der Herausbildung der kolonialen Gesellschaftsordnung entstanden waren, in denen Erblichkeitsrechte und der Zugang zu Privilegien und Posten zum Thema wurden.

Gerade diese soziale Ordnung befand sich im 18. Jahrhundert im Umbruch. Die neu auf den spanischen Thron gelangten bourbonischen Könige strebten umfassende Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen in den Kolonien an, die insbesondere die Macht der kolonialen Elite, der Kreolen, einschränkten. Die Casta-Gemälde können vor diesem Hintergrund als Bekräftigung ihrer gesellschaftlichen Position verstanden werden.

Berühmte Maler wie Miguel Cabrera oder Andrés de Islas schufen Meisterwerke der Casta-Kunst, wie sie heute z.B. im Museo de América in Madrid ausgestellt werden. Über den Großteil der Maler weiß man jedoch ebenso wenig wie über die Auftraggeber, Besitzer und damaligen Ausstellungsorte, der heute über 100 bekannten Gemäldeserien. Mit der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Spanien zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschwand das Genre der Casta-Kunst.

 

Peggy Goede