Silberminen in Potosí

Cerro Rico
Cerro Rico
Bildquelle: Eric Endacott

In der ersten Phase der Eroberungszeit dominierte die Jagd nach Gold, das durch Plünderungen und Goldwaschen gewonnen wurde. Das änderte sich jedoch Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Entdeckung der Silbermine von Zacatecas in Neu-Spanien und der von Potosí im kolonialen Peru. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts stellte nun Silber das Hauptexportmittel für beide Vizekönigreiche dar.

Potosí, die mächtigste Minenstadt Amerikas, die seit 1987 zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, liegt einsam inmitten einer kargen Bergwelt in 4.070m Höhe im südlichen Zentral-Bolivien. Der Chronist Arzans de Orsúa y Vela berichtet, dass der Inka Huayna Capac seine Männer einst beauftragt hatte Silber aus dem Cerro Rico (reicher Berg) zu holen. Beim ersten Schlag in den Berg gab es jedoch einen dröhnenden Knall und eine laute Stimme ermahnte sie vom Schatz zu lassen, der anderen vorbehalten wäre. Die Inkas verließen den Ort und nannten ihn Potoche (quechua: der, der grollt oder explodiert), was die Spanier später zu „Potosí“ verballhornten. Der mündlichen Tradierung zufolge stieß nun im Jahre 1545 ein Indigener namens Huallpa (Guallpa) auf der Suche nach entlaufenen Lamas auf eine Silberader. Er berichtete den Spaniern von dem Fund, die sofort mit der Ausbeutung des Berges begannen, was am 10. April 1545 zur Gründung einer Bergbausiedlung führte. 1572 gründete Vizekönig Francisco de Toledo offiziell die Stadt Villa Rica de Potosí und ließ die erste Münzpresse (casa de la moneda) errichten.

Silbermedaille aus Potosí
Silbermedaille aus Potosí, 1808
Bildquelle: Museo de América, Madrid, museodeamerica.mcu.es/acceso_catalogo.html

Der Name Potosí wurde zum Symbol für Reichtum und Macht und verwandelte die Stadt in eins der größten urbanen Zentren im spanischen Amerika, das mit einer im Jahr 1650 erreichten Einwohnerzahl von 160.000 zeitgleiche europäische Städte übertraf. Die Mehrzahl der Bewohner waren indígenas aus zahlreichen Provinzen des Landes, doch lebten hier auch Spanier und andere Europäer und Mestizen, aber auch Afrikaner und Mulatten.

Diese stetige wachsende Bevölkerung musste nun versorgt werden, doch das karge Land bot kaum Ressourcen, so dass es im 16. Jahrhundert zu einer riesigen Importbewegung kam, die Lebensmittel, Bau- und Brennholz, Textilien, aber auch Luxusgüter wie Porzellan und chinesische Seide nach Potosí brachte. Eigens angelegte Straßen gewährleisteten die Verbindung zu den Häfen, von wo aus das Silber nach Spanien verschifft wurde. Denn die unglaublichen Schätze wurden maßgeblich dafür genutzt die spanische Herrschaft zu finanzieren und bildeten darüber hinaus die Basis der industriellen Entwicklung. Durch den Edelmetallüberfluss kam es jedoch im 16. Jahrhundert zu einer Inflation in Europa, die sich auch auf China auswirkte.

Ferner spielten die Silberminen in Neu-Spanien eine wirtschaftliche Rolle, wenn auch Mexikos Silberproduktion langsamer anwuchs als die Perus und daher die regionale Wirtschaft weniger stark beeinflusste. Die großen mexikanischen Minen befanden sich weit entfernt vom bevölkerten zentralen Hochplateau, während die südamerikanischen relativ nahe an andinen Bevölkerungsherden lagen. Dieser Tatbestand hatte einen starken Einfluss auf die jeweiligen Arbeitssysteme der beiden Vizekönigreiche. Neben Arbeitern aus dem encomienda- und späteren repartimiento-System waren in Neu-Spanien indigene und schwarze Sklaven zahlreich vorhanden, doch gewannen selbständige Lohnarbeiter schnell die Oberhand.

In Peru dagegen war im 17. Jahrhundert nur rund die Hälfte der mineros Lohnarbeiter. Auch waren im kolonialen Peru fast keine schwarzen Sklaven zu finden, da diese aufgrund der ungewohnt sauerstoffarmen Luft und der Kälte des Hochlandes schon nach kurzer Zeit starben. Stattdessen bediente sich Vizekönig Francisco Toledo seit dem Jahr 1572 einer vorspanischen Form der Arbeitsorganisation. Die sogenannte mita bestand in einem System rotierender Gemeindearbeit, die von Toledo jedoch in ein koloniales System der Zwangsarbeit verwandelt wurde. Jeder siebte männliche Angehörige musste nun für eine festgelegte Zeit außerhalb seiner Gemeinde in den Minen und Raffinerien arbeiten, wobei Löhne und Arbeitsbedingungen vom Staat festgelegt wurden. Das groß angelegte System bot zahlreiche, billige und zuverlässige Arbeitskräfte und wurde auch in der Textilindustrie (in obrajes) und in der Land- und Viehwirtschaft effektiv eingesetzt. Doch die sozialen Folgen waren für die native Bevölkerung tiefreichend, da die Zwangsumsiedlungen die indigenen Gemeinden auseinanderrissen und die traditionellen Lebensweisen zerstörten. Die spanische Krone war daher stark auf die Mithilfe der lokalen Kaziken angewiesen, die die Minenarbeit reglementierten und bei der kolonialen Verwaltung halfen. Die zwangsläufige Integration der indigenen Oberschicht am öffentlichen Leben Potosís sehen wir z.B. in einem Gemälde mit der Darstellung des Einzugs von Vizekönig Morcillo in Potosí repräsentiert.

Minenarbeit
Der rechte Arbeiter zeigt die typische ausgebeulte Koka-Wange. Das Kauen von Koka ist für die anstrengende Arbeit in großer Höhe unumgänglich.
Bildquelle: Eric Endacott

Der beständige Nachschub an Arbeitskräften erwies sich für die Minenarbeit als unumgänglich. „Der Berg spuckt zwar Silber aus, doch frisst die Menschen“, so die Aussage eines heutigen mineros. Die Arbeit in den Schächten war kräftezehrend und gefährlich. Lungenerkrankungen, durch den Staub und die Quecksilberdämpfe verursacht, waren an der Tagesordnung. Dazu kamen Krankheiten wie Typhus, die Tausende dahin rafften. Koka wurde in Mengen konsumiert, um die schwere Arbeit verrichten zu können, was die Spanier schnell als Markt zu nutzen wussten. Zahlreiche Indigene entzogen sich der Arbeit durch Flucht, auch weil der spärliche Lohn der 2-4 Monate dauernden mita-Arbeit längst nicht ausreichte den eigenen Haushalt zu unterhalten und die Tribute zu zahlen. Zusätzlich waren die zurückkehrenden Arbeiter zu geschwächt ihr eigenes Land zu bestellen. Alles das führte zu einer rapiden Abnahme der andinen Hochlandbevölkerung, so dass das mita-System 1812 offiziell abgeschafft wurde.

Doch auch heute haben sich die Konditionen der Minenarbeit kaum verbessert. Ins Licht der Öffentlichkeit gelangte dieser Umstand im Jahre 2010 als 33 Bergleute in der Kupfer- und Goldmine von San José, Chile, eingeschlossen wurden und erst nach 69 Tagen in einer dramatischen Rettungsaktion befreit werden konnten. Die Lebenserwartung eines mineros übersteigt nach wie vor kaum 45 Jahre.
In dieser extremen Lebenslage entwickelten die Indigenen eine besonders Religiosität, die sie die Härten des Alltags ertragen ließ. Um der Anbetung des Cerro Rico entgegenzuwirken, errichtete der Jesuit Pablo José de Ariaga um 1600 eine Kapelle vor dem Berg, was ironischerweise zu einem Synkretismus führte, der die Jungfrau Maria mit dem Berg gleichsetzte. Ein berühmtes Bild, das sich heute im Museum der Casa de la Moneda befindet und zahlreich variiert wurde, zeigt Maria in den Cerro Rico integriert. Ähnlich wurden auch andere Berge im Andengebiet angebetet, so z.B. ein ruhender Vulkan in Sabaya, im departmento Oruro in Bolivien. Die Augustiner etablierten hier den Kult der Virgen de la Candelaria (Jungfrau der Kerzen, die mit dem Feuer des Vulkans assoziiert wurden), um die Verehrung der andinen Erdmutter Pachamama zu verdrängen.

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Silberabbau zunehmend schwieriger und damit weniger lukrativ. Massenweise verließ die Bevölkerung Potosí, was die benachbarte Wirtschaft stark beeinträchtigte. Im 18. Jahrhundert waren die Silberminen endgültig erschöpft und Potosí verlor an Bedeutung. Das änderte sich erst mit der zunehmenden Bedeutung von Zinn, dessen Abbau einen erneuten Aufschwung brachte. Noch heute lebt Potosí vom Bergbau, der dem Cerro Rico und den in ihm arbeitenden Menschen mühsam die letzten Reserven raubt.

 

Peggy Goede, Oktober 2011