Peru: Relief, Fundplatz Sechin Bajo

Hintergrundinformationen zum kolonialzeitlichen Text

Das Textbeispiel wurde aus den Diferentes Historias Originales ausgewählt, dem großen Geschichtswerk des indigenen Autors Chimalpahin Quauhtlehuanitzin aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Es behandelt die Geschichte der verschiedenen indigenen Völker, die im Hochtal von Mexiko siedelten über einen Zeitraum von der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrtausends bis zum Ende des 16. Jahrhunderts.

Chimalpahin entstammte einer Herrscherdynastie aus Chalco, einer Konföderation von vier kleinen Staaten im Südosten des Hochtals von Mexiko. Zur Zeit der europäischen Invasion war Chalco bereits seit langer Zeit eine Provinz des aztekischen Tributimperiums. Diesen Umstand versucht Chimalpahin allerdings nach Kräften zu verschleiern und stattdessen den Eindruck von Chalcos imperialer Bedeutung und seines heldenhaften Widerstands gegen den Expansionismus der Mexica Tenochca, auch als Azteken bekannt, zu erwecken.

Die Diferentes Historias Originales sind nicht das einzige in Nahuatl abgefasste Geschichtswerk eines indigenen Autors. Zu den ältesten dieses Genres gehören die Anales de Tlatelolco aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und die Historia Tolteca-Chichimeca sowie des Anales de Quauhtitlan vom Ende des 16. Jahrhunderts. Ihre Verfasser sind leider ebenso wenig bekannt wie die des Codex Aubin und der Crónica Mexicayotl vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Andere sind aber wie die Diferentes Historias Originales bestimmten indigenen Autoren zuzuordnen, z.B. die Historia de los Mexicanos aus dem 16. Jahrhundert einem Cristóbal de Castillo und "Origen de la Nación Tlaxcalteca" vom Ende des 17. Jahrhunderts einem Juan de Ventura Zapata y Mendoza.

Bereits gegen Ende der 20er Jahre des 16. Jahrhunderts begannen Angehörige der indigenen Elite im Gebiet des aztekischen Tributimperiums Texte auf Nahuatl mit dem von den Spaniern übernommenen lateinischen Alphabet zu verfassen. Bis ins 18. Jahrhundert entstand eine beispiellose Vielzahl lateinschriftlicher Schriftdokumente auf Nahuatl, von denen heute noch ein großer Teil unbearbeitet in Archiven ruht. Sie decken ein großes Spektrum an Textgenres ab, von denen einige wie Testamente, Briefe - offizielle und private -, Eingaben an Kolonialbehörden, Klageschriften an Gerichte, Kaufverträge, Besitzurkunden und Sitzungsprotokolle europäischen Ursprungs sind. Die o.g. Geschichtswerke, aber auch Genealogien, Zensus- und Tributlisten, Poesie, Reden, Mythen und Zaubersprüche sind als Textgenres indigenen Ursprungs und aus der vorspanischen Zeit tradiert. Das wichtige Textgenre der Landtitel konnte erst unter spanischer Kolonialherrschaft entstehen. Landtitel sind ein europäischer Dokumententyp. Die in den meisten enthaltenen Abrisse lokaler Geschichte und Genealogien herrschender Familien zur Legitimierung von Besitzansprüchen sind hingegen als Textgenres vorspanischen Ursprungs.

Nahuatl-Texte aller Genres sind wertvolle ethnohistorische Quellen. Sie machen Mitteilungen, mit deren Hilfe die politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse der indigenen Bevölkerung Zentralmexikos vor der Eroberung und bis weit in die Kolonialzeit rekonstruiert werden können. Auch zum indigenen Werte- und Normensystem, zur Religion und anderen Bereichen des geistigen Lebens sowie zu deren Veränderung unter der spanischen Kolonialherrschaft finden sich in diesen Quellen wichtige Informationen.

Die offensichtliche Bereitwilligkeit, mit der die indigene Elite Zentralmexikos die von den Eroberern eingeführte Alphabetschrift übernahm, könnte sich dadurch erklären, dass sie Träger einer jahrhundertealten Schriftkultur waren. In vorspanischer Zeit war allerdings keine Alphabetschrift in Gebrauch, bei der jeder Laut mit einem spezifischen Zeichen realisiert wird, sondern eine Bilderschrift. Ihr Zeichenrepertoire bestand größtenteils aus Piktogrammen, Zeichen, deren Bedeutungsbelegung sich unmittelbar visuell erschließt, wie Darstellungen von Menschen, Göttern, Tieren, Pflanzen, Landschaftselementen, Gegenständen und Ereignissen. Daneben gab es eine Reihe von Zeichen, deren Bedeutung nicht gleich zu erkennen war. Sie war festgelegt und man musste sie kennen, um das Zeichen »lesen« zu können. Die Piktogramme und Zeichen mit festgelegter Bedeutung konnten in eine erzählende Abfolge gebracht werden, sodass damit auch historische und mythische Ereignisse schriftlich fixiert werden konnten. Charakteristisch für die zentralmexikanische Bilderschrift ist es, dass nur ein Teil dessen, was mitgeteilt werden sollte, auch niedergeschrieben wurde. Zu einem schriftlichen Text gehörte immer ein mündlicher, dessen Informationen ihn erst zu einem sinnvollen Ganzen ergänzten. Wer einen schriftlichen Text still für sich oder laut anderen vorlas, musste auch den mündlichen Teil im Kopf oder laut rezitieren.

nach oben