„Zwischen Räumen“ Forschungsprogramm

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Bildquelle: © Luis González Toussaint

In Anlehnung an die in den Kultur- und Sozialwissenschaften verstärkt diskutierte Frage nach der Genese und den historischen Veränderungen von Räumen regt das Internationale Graduiertenkolleg (IGK) innovative Forschung zur Globalisierung an und identifiziert die Zwischenräume, die in den Globalisierungsprozessen seit der Kolonialzeit entstanden sind und bis heute entstehen. Globalisierungsprozesse gelten dabei als sich herausbildende weltweite Integrationszusammenhänge, die von regionaler Fragmentierung und konflikthaften Aushandlungen geprägt waren. Das Forschungsprogramm thematisiert die Geschichte der Globalisierung aus der Perspektive Lateinamerikas. In methodisch-theoretischer Hinsicht orientiert sich das Forschungsprogramm an den in der Geschichtswissenschaft und anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Fächern im letzten Jahrzehnt entwickelten transnationalen und transkulturellen Perspektiven und aktuellen Debatten, etwa im Bereich der Transfer- und Translationsforschung.

Die beiden leitenden Fragestellungen des IGK lauten:

Durch welche Bewegungen und Akteure haben sich Räume innerhalb Lateinamerikas, zwischen den Amerikas sowie in Bezug auf andere Regionen in der Welt in der historischen Entwicklung seit der Kolonialzeit bis in die Gegenwart herausgebildet und verändert?

Welche kognitiven, kulturellen und politischen Vorstellungen waren und sind mit diesen Verflechtungen zwischen Räumen verbunden? Welche Repräsentationen haben sie hervorgebracht?

In der ersten Förderphase des IGK wurden transkontinentale und transnationale Räume z.B. zwischen Europa und den Amerikas oder zwischen den USA und Mexiko sowie Räume und Prozesse innerhalb von Nationalstaaten auf der Meso- und Mikroebene im Sinne einer Globalisierung von unten analysiert. Die Herausbildung neuer Lokalitäten durch Bewegungen von Akteuren, Ideen und Diskursen ist hier von Interesse. An den Globalisierungsepochen wurden die Überlagerung von Raumkonstruktionen und die dynamischen Veränderungen der sozialen Räume thematisiert. Dazu knüpfte das IGK an die Ansätze und Diskussionen der Raumforschung an. Diese Zwischenräume zu verstehen ermöglichte es erst, die dringend notwendige Erweiterung traditioneller Raumvorstellungen voranzutreiben, die bisher Staat, Nation und Kultur als weitgehend homogene und abgeschlossene Einheiten betrachteten. Durch das Erkennen und die Analyse der vielfältigen Zwischenräume – in denen machtvolle und nachhaltige Hybridisierungseffekte stattfanden – konnte die Forschung des IGK wesentlich verbesserte Erklärungsleistungen für die Auswirkungen der Globalisierung in Vergangenheit und Gegenwart erbringen.

Anknüpfend an die Forschung zu Grenzräumen werden die Zwischenräume in der zweiten Periode des IGK weiter ausdifferenziert und theoretisiert. So kommt es beispielsweise zur Identifizierung kulturell begründeter hemisphärischer und panamerikanischer Raumkonstruktionen in der Geschichte und Gegenwart – wie Abya Yala – oder transnationaler Wirtschaftsräume wie der Nordamerikanischen Freihandelszone (North American Free Trade Agreement, NAFTA). Auf lokaler Ebene werden urbane und ländliche, öffentliche und private sowie indigene Räume differenziert. Stärker in den Blick genommen werden zudem transpazifische Zusammenhänge. Auf diese Weise wird eine Verflechtungsgeschichte mit Fokus auf den Süd-Süd Transfer anvisiert, die zwar schon seit der frühen Kolonialzeit eine zentrale Rolle für die Selbstverortung Lateinamerikas im globalen Kontext spielte, jedoch bislang wenig erforscht ist. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren haben zudem transpazifische Bewegungen an Dynamik gewonnen und sind dabei, den Kontinent nachhaltig zu verändern. Diese neue Schwerpunktsetzung wird neben den weiterhin wichtigen transatlantischen und inneramerikanischen Dimensionen bearbeitet.

Mexiko war und ist Schauplatz einer polyzentrischen, von Machtasymmetrien geprägten Globalisierung, von dem aus sich weitergehende Perspektiven auf transnationale und transregionale Bewegungen und Verflechtungen ergaben. Mexiko wurde nicht allein aufgrund ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Fakten als polarisierter und fragmentierter Wirkungsraum von Globalisierungsprozessen betrachtet, sondern in Reflexionen mexikanischer Wissenschaftler auch intensiv als solcher thematisiert. Hier sind insbesondere Forschungen zur Wirkung von Globalisierung auf der sozialen Meso- und Mikro-Ebene zu nennen. Die Schwerpunktsetzung des IGK auf Mexiko bedeutete dabei keine analytische Beschränkung auf den mexikanischen Nationalstaat. Mexiko ist gerade deshalb interessant, weil es sich in seiner Geschichte bislang als Raum mit vielfach sich verändernden territorialen Grenzen präsentierte, die transnationale beziehungsweise transregionale Zwischenräume ergaben, in denen Norden und Süden, Westen und Osten geteilt und verflochten waren.

Zur Erfassung der zahlreichen empirischen Phänomene von Migration und Reisen bis zum Transfer von Sicherheitsdiskursen nutzten und nutzen die Kollegiatinnen und Kollegiaten theoretische und methodische Ansätze sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Deshalb ist das Forschungsprogramm des IGK interdisziplinär ausgerichtet. Zudem erlaubt die enge Zusammenarbeit zwischen deutschen und mexikanischen Forschungseinrichtungen, sich gegenseitig ergänzende unterschiedliche Perspektiven und Schwerpunktsetzungen mit Blick auf Globalisierungsprozesse zu verknüpfen und für die gemeinsame empirische Forschung und Theorieentwicklung fruchtbar zu machen. Das Ziel des IGK ist es, auch außerhalb der Area Studies für eine veränderte Sichtweise und Neuperspektivierung auf Globalisierungsprozesse zu werben.