Mexico, Guanajuato

Buch und Nation: Krieg im Sertão von Euclides da Cunha, ein Brasilianischer Gründungstext und Erinnerungsort im Nationalen und Transnationalen Kontext

Der geographisch-historisch-poetische Essay Os Sertões: Campanha de Canudos des Offiziers, Ingenieurs und Journalisten Euclides da Cunha¬ war beim Erscheinen im Jahre 1902 eine Sensation und gilt seitdem in allen Wissensbereichen und ideologischen Lagern weit über den Kreis der Gebildeten hinaus als kanonisches, identitätsstiftendes Werk, als das repräsentativste Buch Brasiliens, als die „Bibel der Nation“. Wie sonst selten in der Geschichte der Völker, vergleichbar vielleicht nur mit heiligen Büchern mancher Religionen, ist Os Sertões vom Tage seines Erscheinens an ein Grund- und Hauptbuch der brasilianischen Nation, ihre Inspirationsquelle, Quintessenz, Deutung, Legitimationsgrundlage, Wegweisung, Mahnung, Selbstanklage, ja geradezu eine Offenbarung. Als DIE große Erzählung ihrer Ursprünge und ihres Werdegangs, Denk-Mal ihrer Größe, ihrer Makel, ihrer Zukunftsperspektiven, lässt es sich als Erinnerungsort im Sinne von Pierre Nora und als Gründungsbuch im Sinne von Doris Sommer verstehen. Keinem anderen brasilianischen Autor wird inner- und außerhalb der zünftigen Literaturkritik eine so tiefe, eine so emotionale Verehrung zuteil. Sein Einfluss auf das „pensamento social“, auf das sozialwissenschaftliche Denken in Brasilien ist kaum zu überschätzen, was Auswirkungen auch die regionale und nationale Entwicklungspolitik hatte.

Dem Autor geht es in seinem Buch nicht nur um Chronik und Analyse des Bürgerkriegs von Canudos im Sertão von Bahia (1896-97), sondern um Grundsätzlicheres. Er lädt den Leser zu einer Reise ins „Herz der Finsternis“ ein, zur Erkundung des unbekannten, barbarischen Hinterlandes und läßt ihn den Zusammenprall zwischen einer traditionellen, religiös geprägten ländlichen Unterschichtskultur und einer städtisch-laizistischen Elitenkultur, die sich als Speerspitze der Weltzivilisation versteht, miterleben. Die beiden feindlichen Tendenzen zusammenbringen und für sich fruchtbar machen soll der moderne Nationalstaat, den Euclides da Cunha eher als Prozeß und als Aufgabe denn als fertige Realität versteht und dessen einseitige Parteinahme gegen die unbekannte Bevölkerung des eigenen Hinterlandes er geißelt.

Natur- und Gesellschaftsgeschichte verknüpfend erzählt er eine Art Genesis, die Entstehung des Hinterlandes und seiner Bevölkerung, ja, die Entstehung der brasilianischen Erde und Nation. Die Eigenschaften, Defizite und Entwicklungschancen des Sertão und ganz Brasiliens werden ebenso erkundet wie seine Stellung in einer vom klassischen Imperialismus homogenisierten und zugleich sozialdarwinistisch gespaltenen Welt. Damit aber stellt sich auch die Frage nach dem Charakter, dem Glücksversprechen und der barbarischen Gefährlichkeit der Zivilisation, vor allem aus der Perspektive eines politisch unabhängigen, ansonsten de facto aber vielfach abhängigen und rückständigen, in sich ebenfalls gespaltenen Landes, das nach Meinung ihrer Eliten sich aufgrund seiner physischen Größe zu einer großen Zukunft berufen sah. Insofern der Autor, teilweise im Zeichen der vom Argentinier Sarmiento formulierten Dichotomie „Zivilisation und Barbarei“, die Geschichte politisch-gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen und Fehlentwicklungen erzählt, die auseinanderdriften und dennoch einander bedingen, ergeben sich Fragen nach Formen, Ursachen, (Un-)Vermeidbarbeit von regionalen und sozialen Spaltungen, ja Zivilisationsbrüchen einer fragmentierten Moderne.

Seit den 30er Jahren wurde sein von Anbeginn als Teil der Weltliteratur konzipiertes Buch in zahlreiche Sprachen übersetzt und von der ausländischen Literaturkritik wie auch Geschichts- und Sozialwissenschaft durchweg positiv aufgenommen, oft sogar begeistert begrüßt, in jüngerer Zeit vielfach auch als frühe Kritik an blinder, autoritärer, gewalttätiger eurozentrischer Modernisierung und Homogenisierung interpretiert. Die vielen religiös oder ethnisch begründeten Kriege und Bürgerkriege der letzten hundert Jahre und die entsprechenden Theorien, etwa die vom clash of civilizations (Huntington) lassen Euclides da Cunhas Werk in neuem Licht erscheinen. Die über Brasilien hinausweisende, kontinentale Dimension von Os Sertões wird dadurch unterstrichen, dass der Autor, um die Besonderheiten des Sertão zu verdeutlichen, auch andere Regionen skizziert, Amazonien mit seinen Indianern und Caboclos sowie die südbrasilianische Pampa mit ihren Gauchos, was zu Fragen nach Grenzkulturen und Kulturgrenzen führt, da diese Regionalkulturen quer zu nationalen Identitäten verlaufen und diese dennoch mitkonstituieren. Im Vordergrund aber stehen Fragen der Kanonbildung, der Literarisierung nichtliterarischer Diskurse, der Geschichtsinszenierung, der regionalen und nationalen Identitätsbildung, der gesellschaftlichen Rolle der Intellektuellen und ihres Verhältnisses zur Macht, der strukturellen Heterogenität und ihres Verhältnisses zur kulturellen Heterogenität, der Diskussion über Rechtsstaatlichkeit und Bürgerschaftlichkeit (cidadania), der Beziehung zwischen Literatur und Öffentlichkeit, der regionalen, nationalen, transnationalen und transkulturellen Bedeutung und Rezeption dieses und anderer Schlüsselwerke der lateinamerikanischen Literatur.

Alle diese Fragen lassen sich anhand von Os Sertões und anderen Texten dieses Autors hervorragend untersuchen. Das genannte Buch bietet sich wegen seines engen realgeschichtlichen Bezuges, seiner gattungsmäßigen und stilistischen Vielgestaltigkeit und Hybridität sowie seiner intensiven hundertjährigen Rezeption innerhalb der Belletristik und des sozialwissenschaftlichen Denkens und seiner transkulturellen Bedeutung gewissermaßen als kulturwissenschaftliches Labor an. Sowohl auf der referentiellen als auch auf der ästhetisch-symbolischen Ebene führt es eine Fülle von Ausdrucksmitteln, Themen, Problemen, Hypothesen, Lösungsversuchen und Aporien vor, die alle dem Oberthema gewidmet sind: welches sind die Bedingungen, Merkmale, Begleiterscheinungen, Folgen, Perspektiven eines modernen, zivilisierten Nationalstaates angesichts der Notwendigkeit, die „rückständigen“, also meist nichtweißen und mestizischen Bevölkerungsgruppen zu integrieren?

Der Dialog mit den Geschichts- und Sozialwissenschaften über ethnisches Bewußtsein, Hautfarbenvorurteile, mestiçagem und Nationbildung ist von grundlegender Bedeutung. Der zunächst in Os Sertões thematisierte Krieg von Canudos ist durch dieses Buch ins kulturelle Gedächtnis der Nation eingegangen, und die sich daran knüpfenden – wissenschaftlich-logisch oft widersprüchlichen und dennoch auf der ästhetischen Ebene schlüssigen – Überlegungen zu den Identitäten von Hinterland und Nation sind entscheidende Bausteine für die Konstruktion brasilianischen Nationalbewusstseins. Dabei hatte der Autor eine typische Zwitterstellung inne, nämlich als mittelloser Intellektueller, der eine elitenkritische Position einnahm, der jedoch andererseits dank seinem „kulturellen Kapital“ (Bourdieu) zu Ansehen und Einfluß kam und von den kritisierten Eliten, vor allem nach seinem Tod, kooptiert wurde, ähnlich wie – allerdings erst Jahrzehnte später – der Anführer der im Buch geschilderten religiösen Bauernbewegung von Canudos.

Fragen nach der Übersetzung und Übersetzbarkeit sowie der weltweiten Rezeption dieses „Nationalepos“ fordern Überlegungen zu seiner epochen- und nationenübergreifenden Geltung in einer globalisierten, teilweise entnationalisierten Welt heraus, wie auch zum Verhältnis von traditionellen lokalen Kulturen einerseits und einer sich anscheinend homogenisierenden Weltkultur andererseits.

 

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Lateinamerika - Institut

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