Mexico, Guanajuato

Der literarische Diskurs über die haitianische Revolution in der französischen Literatur und der Literatur der Karibik des 19. Jahrhunderts (Habilitationsprojekt)

Das Projekt untersucht literarische Texte des ausgehenden 18. Jahrhunderts sowie des 19. Jahrhunderts, die die Ereignisse des Sklavenaufstands von Santo Domingo und der haitianischen Revolution (1791-1804) zum Gegenstand nehmen, rekonstruieren und kommentieren bzw. als Referenzrahmen setzen. Im Zentrum der Arbeit stehen Fragen der Aushandlung und der Repräsentation des Konflikts in den literarischen Texten sowie Fragen der ästhetischen Verarbeitung von Gewalt.

Dabei soll die haitianische Revolution als transatlantisches, transnationales und schließlich transkulturelles Ereignis in den Blick genommen werden, das nicht nur die Ideale der französischen Revolution importiert und die Kolonialfrage zwischen Frankreich und Santo Domingo/Haiti, zwischen der Karibik und Lateinamerika sowie der Karibik und den USA neu verhandelt, sondern auch kulturelle und symbolische Formen. Geht es zum einen um die Konstituierung der haitianischen Nation im Rückgriff auf das Ereignis der Revolution, so stellt sich andererseits die Frage, inwieweit sie Multiplikator und Vorbild für die Unabhängigkeitsbestrebungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent sein konnte und welche Bilder des Ereignisses durch literarische und mediale Repräsentationen in der Karibik und darüber hinaus (Cuba, Bolivien, Venezuela, Brasilien) perpetuiert werden. Die Arbeit setzt sich unter anderem mit der Revision der gängigen Meinung auseinander, dass die Zeitgenossen über das Ereignis ausschließlich verwirrt und von seiner Gewalt und Grausamkeit abgeschreckt gewesen seien. Für die französische Debatte etwa geht es nicht nur um die Kolonialfrage, um die Einstellung zur Sklaverei und damit um die Grenzen der Revolutionsideale, sondern in grundsätzlicher Weise um die Bestimmung des Eigenen durch die Abgrenzung des Anderen in Gestalt der weißen Kolonisten sowie der nichtweißen Bevölkerung und der Sklaven.

Da die antikoloniale Umwälzung von einer „rassischen“ Revolution durchkreuzt wurde, bildet die Konstituierung des staatsbürgerlichen Subjekts durch Rasse und Klasse eine zentrale Achse für das Verständnis des Ereignisses und seiner Repräsentationen.

Obwohl von sowohl epochaler als auch kontinentaler Bedeutung, gibt es im 19. Jahrhundert nur wenige kanonische Texte über dieses Ereignis. Daher bilden literarische Texte im weiteren Sinne den Untersuchungsgegenstand: neben Romanen, Memoiren, Biographien, Versdichtungen werden Essais, Reiseberichte, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe herangezogen.

Im Rahmen einer Forschungskooperation zur ästhetischen Verarbeitung von kriegerischen Konflikten und Gewalt, insbesondere von Bürgerkriegskonflikten stellt dieses Projekt einen Teilaspekt dar, der zum einen an die Wurzeln der Nationenbildung zurückgeht, die Konzepte Bürgerkrieg und Revolution zueinander positioniert und zum anderen die Verschränkung der europäischen und der karibischen Geschichte in den Blick nimmt.

 

Institution:

Latainamerika-Institut

Forschungsschwerpunkt: