Mexico, Guanajuato

Domingo Faustino Sarmiento: Facundo – Civilización y Barbarie

Der historisch-biographisch-politische Essay des Journalisten, Pädagogen, Offiziers, Diplomaten, Politikers Domingo F. Sarmiento (1811-88) aus dem Jahre 1845, gilt als eines der Grund- und Hauptbücher seines Landes, identitätsstiftend für die argentinische Nation und unerlässlich für ihr Verständnis bis auf den heutigen Tag. Andererseits ist dieser kanonisierte Schriftsteller als Vertreter eines demokratischen, doch elitären Liberalismus und Kosmopolitismus nach wie vor umstritten, bekämpft von den Vertretern eines eher sozial engagierten, nationalistischen  Populismus, wie er sich etwa in einigen Spielarten des Peronismus findet.

Ausgehend von der Natur und der Gauchobevölkerung einer als randständig und rückständig geltenden Region erzählt der Autor nicht nur den Lebensweg eines regionalen Caudillo, Facundo Quiroga und einen die ganze Nation erschütternden Bürgerkrieg, sondern auch Ursprünge, Eigenschaften, Fortschrittshemmnisse und Fortschrittsmöglichkeiten Argentiniens, das er auf dem Weg zu einem modernen, zivilisierten, wohlhabenden, wohlverwalteten, weltweit geachteten Nationalstaat sehen möchte. Bei der Erkundung und Darstellung einer unübersichtlichen Wirklichkeit und angesichts widerstreitender eigener Haltungen zu Land und Leuten überschreitet er ständig die Grenzen zwischen Geographie, Sozialwissenschaft, Historie und Belletristik, zwischen Sachbuch und Fiktion, und schreibt ein stilistisch changierendes Buch, das gleichzeitig zu den Gattungen Biographie, Reportage, Chronik, Reisebericht, Abhandlung, Denkschrift, Pamphlet, Abenteuerroman gehört, mit Anklängen an Epos und Tragödie, jedoch auch an die politische Streitrede.

Wie Euclides da Cunha wollte Sarmiento eine Art Lehrmeister seines Landes werden, doch anders als jener hatte er als Bildungspolitiker und Staatspräsident Gelegenheit, seine nationalen Zielvorstellungen später in die Wirklichkeit umzusetzen, was den nichtweißen ländlichen Unterschichten nicht immer gut bekam.

Den Widerstreit zwischen Zivilisation und Barbarei machte Sarmiento zu einem bis heute beliebten und einflussreichen, wenn auch problematischen Deutungsmuster für die Geschichte und Gesellschaft nicht nur Argentiniens, sondern ganz Lateinamerikas. Bei genauerer Betrachtung stellt sich seine dualistische Sicht der Gesellschaft, welche die nachmalige These von der Gespaltenheit des Landes in zwei Argentinien vorwegnimmt, auf der ästhetischen Ebene als vielfach gebrochen und differenziert heraus. Die auf der ideologischen Ebene eindeutig ablehnende, ja verurteilende Haltung gegenüber der Roheit von Land und Leuten in Pampa und Llanos bleibt auf der ästhetischen Ebene schwankend, zwiespältig oder gar widersprüchlich. Anders gesagt, der Erzähler erhebt Einspruch gegen den Autor, der Künstler gegen den Politiker, der Gefühlsmensch gegen den Verstandesmensch, gewiss auch Ausdruck eines gewissen Schwankens zwischen Aufklärung und Romantik. Wie so oft auf diesem Subkontinent erweist sich der Essay als zentrale Form der Selbstbefragung, Selbstverständigung, Identitätssuche und auch des Handlungsentwurfs. Der Essay erlaubt Spielräume der Subjektivität, der gedanklichen Inkohärenz, der Phantasie, die der Schriftsteller ausgiebig nutzt. Offenkundig greift Sarmiento zur Literarisierung und Fiktionalisierung, weil sich die Zustände und Ereignisse im Hinterland nicht mit der Objektivität und Stimmigkeit darstellen lassen, wie sie von nüchternen Berichten oder wissenschaftlichen Abhandlungen zu fordern ist.

Es scheint, als ahnte der Autor das Unbehagen in der Zivilisation, von dem Freud, und die Melancholie über die Entzauberung der Welt, von der Max Weber sprechen. Einen wirklichen Überdruss an Aufklärung, Versachlichung, Kommerzialisierung, Verstädterung und Industrialisierung – in Europa der Hintergrund von Sturm und Drang, Rousseausimus, Romantik und späteren rationalismuskritischen Strömungen – konnte es im damals noch recht ländlichen Lateinamerika nur ansatzweise geben, doch vorherzusehen waren die Schattenseiten der Zivilisation für sensible und kosmopolitisch gebildete Geister durchaus.

Doch steht Sarmiento auch vor einem anderen Dilemma, vor der Frage nach der Eingliederung der unkultivierten Binnenräume mit ihrer indigenen und mestizischen Bevölkerung in die Nation. Denn ist das stadtferne, dünn besiedelte Hinterland unzivilisiert und nur um den Preis eines Identitätsverlustes zivilisierbar, so ist es doch typisch und authentisch, in einem tieferen Sinne amerikanisch und national als die großen Städte. Diese mögen zivilisiert sein, stehen jedoch in der Gefahr, allzu europäisch, kosmopolitisch, unargentinisch zu werden. Das typisch Nationale ist gerade das Unzivilisierte, das Zivilisierte aber das Unnationale. Wie auch immer man Argentinien definierte, für gebildete Patrioten hatte das Eigene auch etwas Fremdes: die zivilisierten, städtischen und stadtnahen Gebiete waren vom patriotischen Standpunkt fremd, weil europäisch; das halbwilde Binnenland war Städtern fremd, weil unzivilisiert. So fühlten sich die Gebildeten Lateinamerikas lange Zeit als Verbannte im eigenen Vaterland, andererseits in der ganzen Welt zuhause, was in hohem Maße für den vielreisenden Sarmiento zutraf

Man bedurfte bis zu einem gewissen Grade des Barbarischen, um die nationale Eigenart zu definieren, lehnte es aber zugleich als Fortschrittshemmnis ab.

Notwendig schien eine Quadratur des Kreises: das Barbarische im Namen der Zivilisation zu überwinden und zugleich zu bewahren. Eine Möglichkeit war seine Verwandlung in Poesie. In der Idealität von Kunst und Kultur als einem praxisfernen Gesellschaftsbereich kann real Verpöntes nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht und notwendig sein. Man benötigte also das Barbarische zur Definition von nationaler Eigenart, lehnte es aber in der Praxis als unmodern und unzivilisiert ab. Eine Versöhnung konnte es nur auf symbolischer Ebene geben, in Kunst und Literatur, und vielleicht ist es eine ihrer ureigenen Fähigkeiten, das real sich Ausschließende, doch Zusammengewünschte ästhetisch zu vereinen. Das Barbarische, Teil des kollektiven Gedächtnisses, wird von den Künsten aufgegriffen und fließt, um eine nationale Komponente bereichert und ästhetisch veredelt, zu seinem Ursprung zurück, das Nationalgefühl stärkend. Das Barbarische ist der Stoff, aus dem nicht nur viele Träume sind, sondern auch viele nationale Kunstwerke. Darin aber liegt eine Gefahr, nämlich dass Kunst und Kultur der Verwischung oder Verklärung von Widersprüchen oder Verbrechen dienen, als Trost und Ersatz für ungelöste oder unbewältigte gesellschaftliche Probleme. Vergangene, ländliche und unterschichtspezifische Kulturen scheinen sich in besonderer Weise zur Repräsentation einer Nation zu eignen, da sie, auf den ersten Blick jedenfalls, mehr Besonderheiten zeigen und weniger transnational sind als die Kultur der eher kosmopolitischen städtischen Mittel- und Oberschichten. Die Verwandlung von Vergangenheit und Volkskultur in Folklore und in ästhetisch anspruchsvolle Denkmäler bewahrt die jungen Nationen vor Gleichmacherei und schenkt ihnen unverwechselbare Grundlagen fürs kollektive Gedächtnis, für den Nationalstolz, fürs Selbstbild. Facundo kann daher nicht nur als Gründungsliteratur – trotz fehlender Liebeshandlung – im Sinne von Doris Sommer, sondern auch als Erinnerungsort im Sinne von Pierre Nora gelten.

Barbarische Willkür und Grausamkeit, deren emblematische Untat in viehische Abkehlen von Gefangenen ist, finden sich, wie Sarmiento und sein ideologischer Bündnispartner Esteban Echeverría schreiben, jedoch nicht nur im Hinterland, sondern in ganz Argentinien, auch im städtischen Herzen der Zivilisation. Den systematischen Staatsterror mit Elementen von Personenkult, den der Diktator Rosas mithilfe seiner Geheimpolizei, der mazorca, ausübt, mutet modern an und scheint auf den Faschismus und den Stalinismus vorauszuweisen. Der argentinische Autor aber führt die allgegenwärtige Gewalt auf die Rückständigkeit, Unkultiviertheit, Barbarei der Gauchos zurück, ohne das Gewaltpotential im Innern der Zivilisation zu erkennen. Sein Glaube an den Fortschritt hat etwas Naives und erinnert an Voltaires Candide, der in der besten aller Welten zu leben glaubt. Was Sarmiento in Wahrheit an Rosas geißelt, ohne sich dessen bewusst zu werden, sind –embryonale – Aspekte des modernen diktatorischen Staates. Er kritisiert Rosas, den ehemaligen Gutsbesitzer und ländlichen Caudillo, als barbarisch, um nicht die Zivilisation kritisieren zu müssen. Rosas betreibt, entgegen der ursprünglichen Ideologie der Federales – den Aufbau eines zentralistischen Polizei- und Überwachungsstaates, für den er die technischen Errungenschaften seiner Zeit benutzt. Überhaupt befördert er einen instrumentellen zivilisatorischen Fortschritt, die wirtschaftliche Entwicklung, den Ausbau von Buenos Aires zur Hauptstadt und deren Hegemonie über das ganze Land, das zum Hinterland wird. Auch betreibt er, entgegen seinem nationalistischen Diskurs, die Eingliederung Argentiniens in die Weltwirtschaft und Weltpolitik im Sinne der Unitarios, der Parteigänger Sarmientos, wodurch er letztlich die Abhängigkeit von England verstärkt. Sarmiento attackiert Rosas, den ehemaligen Viehzüchter aus der Pampa, als Vertreter der Barbarei, um ihn nicht den Exponenten eines modernen, rationalen, autoritären, zentralisierten Staates attackieren zu müssen. Als Frankreich und England mit dem Diktator kollaborieren, interpretiert Sarmiento dies als Missverständnis, als Folge von Unkenntnis auf Seiten der Europäer. Er kann sich nicht vorstellen, dass zivilisierte Mächte ihrer Staatsraison folgend unzivilisierte Verbündete akzeptieren. Den Klassencharakter des Staates hat er ebenso wenig durchschaut wie die irrational-rassistische, ja neokolonialistische Komponente seines republikanischen Projektes. Wenn der zivilisierte Nationalstaat sich unzivilisiert verhält, so ist dies für ihn ein Irrtum und kein strukturelles Problem.

Der im chilenischen Exil geschriebene Facundo, für Exilargentinier sowie für nichtargentinische Leser konzipiert und bereits zu seinen Lebzeiten auf Englisch und Französisch publiziert, bedarf einer Übersetzung ins Deutsche, welche die Historizität und Aktualität des Buches herausarbeitet und dem heutigen mitteleuropäischen Leser nahe bringt. Bisher liegt lediglich eine problematische Teilübersetzung aus dem Jahre 1911 vor. Regionale und historische Besonderheiten des argentinischen Spanisch vor allem im Wortschatz, aber auch in Syntax und Idiomatik sind zu recherchieren. Voraussetzung für eine sachlich korrekte und wirkungsadäquate deutsche Fassung ist eine übersetzungsorientierte Textuntersuchung, die auch die transnationale Bedeutung und Rezeption dieses Klassikers erkundet und ihre Ergebnisse nicht nur in die Anmerkungen, das Glossar und das Nachwort, sondern vor allem in die Textgestalt selbst einfließen lässt. Wichtig für die Kommentierung in Form von Endnoten, Zeittafel, Glossar und Nachwort ist daher auch die Kenntnis der recht bewegten Text- und Veröffentlichungsgeschichte des Buches sowie seines Verhältnisses zur Biographie und zum Gesamtwerk des Autors. 

 

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Lateinamerika - Institut

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