Mexico, Guanajuato

Die Anfänge des Fußballs in Brasilien als transnationales Phänomen, 1894-1930 (Dissertationsprojekt)

Institution:

ZI Lateinamerika-Institut

Forschungsschwerpunkt:

In meiner Dissertation untersuche ich auf welchen Wegen und mit welchen Bedeutungszuweisungen der Fußballsport von Großbritannien nach Brasilien gelangt ist. Ich möchte anhand der Analyse von Sportberichterstattung untersuchen welche Akteursgruppen den Fußball verbreiteten und wie sie ihn deuteten. Ich gehe davon aus der Fußballsport habe im behandelten Zeitraum, seit dem ersten historisch belegten Spiel 1895 bis zur Einführung des Professionalismus im Jahr 1933, eine bedeutende Möglichkeit dargestellt kollektive Identitäten zu entwerfen. Gleichzeitig bot er bei internationalen, regionalen und lokalen Spielbegegnungen die Möglichkeit diese Entwürfe zu verhandeln. Diese Identitätskonzepte seien komplex und vielgestaltig gewesen, da sie aus den Transfer- und Rücktransferbeziehungen mit Großbritannien und anderen europäischen und lateinamerikanischen Ländern, den jeweiligen Bedeutungszuschreibungen verschiedener Gruppen an das Transferprodukt und ihren Umdeutungen entstanden. Für einige wichtige Vertreter der urbanen Eliten zum Beispiel war Fußballsport in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Ausdruck von „Modernität“ und „Zivilisierung“, der als Erziehungsinstrument eingesetzt werden konnte. Diese Ägide des „mens sane in corpore sano“ führte in ihrer negativen Umkehrung zu einem rassistischen und sozialen Ausschluss der dunkelhäutigen und arbeitslosen Bevölkerung aus den Vereinen der Elite. Die so Ausgeschlossenen gründeten eigene Vereine und schlossen sich in Ligen zusammen und maßen dem Fußballspiel damit ihre eigene Bedeutung bei.

Schwerpunkt der Arbeit ist die Frage nach der Entstehung eines Bewusstseins von einer Einbindung in ein globales Geschehen und eine stärker vernetzte Welt durch den kulturellen Transfer des Fußballs bei den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Haben sich transnationale Öffentlichkeiten zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext dieses spezifischen Transfers ausgebildet? Welche Rolle spielten die Zeitungen mit einer entstehenden Fußballberichterstattung als Raum der Öffentlichkeitsbildung? Welche Bezugsebenen der Verbundenheit – lokal, regional, national und transnational – gab es bei den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen? Haben sich durch den Transferprozess nationale Differenzen und Abgrenzungsversuche verstärkt und wie ging dies einher mit dem kulturellen Globalisierungsprozess?