Mexico, Guanajuato

Anti-Depots. Mediale SubVersionen des paradigmatischen Verschwindens in der ästhetischen Produktion der argentinischen Generación Después (1996-2006) (Promotionsprojekt)

Institution:

Lateinamerika-Institut

Ansprechpartner:

Rike Bolte

E-Mail:

Kurzbeschreibung

Die Untersuchung geht vom irreduziblen Kern eines politischen Factum Brutum – dem ‚Verschwindenlassen’ von Menschen als einr spezifischen Verfolgungs- und Vernichtungspraxis während der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976-1983)- aus, zeichnet dessen Geschichte sowie seine Rezeption und (Re)Präsentation bzw. Nicht-(Re)Präsentation in den symbolischen Medien nach. Dabei wird die Tradition einer innovativen und kritischen metaphorischen Diskursivierung und Visualisierung des schwer oder kaum Darstellbaren kartographiert, die mit dem Schreiben und anderen weniger frequenten, da aufwendigeren Adaptationsformen (z.B. Film) unter der Diktatur begonnen hat. Nach Ende des argentinischen Regimes erlebt die Ästhetisierung des Verschwindens unter den Konditionen politischer Transition eine Hochkonjunktur, nach der dystopischen Relativierung der Prämissen des Nunca Más-Projektes unter Alfonsín jedoch eine menemistische Inkubation und wird schließlich mit dem Jahrestag 1996 und erneut mit dem Ausbruch des Argentinazo aktualisiert und hierbei in erster Linie von einer Generación Después protagoniert.

Der Untersuchung geht es um die Dynamik, die bei der innovativen Fortsetzung von Gedächtnisformationen und der Erweiterung von Erinnerungsgemeinschaften in Gang gesetzt wird. Die Pluralisierung der Narrative sowie der visualisierenden und performativen Symbolisierungen angesichts historischen Schreckens verortet sich zwar durchaus auch noch in lokalen Selbstverständnissen, die national identifiziert sind, wird jedoch vor allem in das fundamental durch die neuen Medien ermöglichte Netzwerk global zirkulierender Memoria-Texte eingespeist. Die Generación Después ist eine lokal agierende, gleichzeitig telepräsente Generation, die mit der Abstraktheit des in den Jahren 1976-1983 staatlich organisierten multiplen Todes einer Generation von Kulturschaffenden konfrontiert ist, jedoch der signifikanten Leere des Traumas und dessen (psychoanalytisch gesetztem) Streben nach einer thanatologischen Auflösung hingegen den Eros der Kreation entgegensetzt, auch wenn diese ihn bzw. seine Permutationen zum Gegenstand hat. 

Aspekte des Körperlichen, und der darin stattfindenden Spektakularisierung, ebenso wie die (A-)Logik des trancehaften, disruptiven Schreibens oder der dissemierenden Visualisierung geben dieser Kontrapunktion ein Format, das die Strategien postmoderner Ästhetiken, die die Generation vor der Generación Después größtenteils geprägt hat, durchaus fortschreibt. Gleichzeitig entstehen ebenso an der Schnittstelle zu den digitalen Diffusionsforen neue (Re)Präsentationsformate oder werden wiederum klassischere Optionen rehabilitiert. Unumstritten ist in jedem Fall die Quittierung jeglicher ideologischer Positionierung, die bei der prominenten, unter der Diktatur realisierten und entsprechend geahndeten literatura zu finden ist.

Die ausgewählten Manifestationen der Generación Después erinnern an die konkrete Geschichte des politischen Schreckens in Argentinien, machen es jedoch auch als Folge der spezifischen Konstitution des Subjektes in der Moderne lesbar und assoziieren es mit der im 20. Jahrhundert weltweit angewandten Praxis nomadischer staatlicher Verfolgungs- und Bestrafungstechniken (von angeblich ‚subversiven Bürger_innen), die das 'Verschwinden' zu einem globalisierten Phänomen gemacht haben. Wichtig ist bei der Annahme einer variierten Subvertierung des Paradigmas im ästhetischen Medium auch, dass gerade das Moment der Versifikation ein hegemoniales, durch das autoritäre System homogen, ja monolithisch konstruiertes Modell des 'inneren Feindes' fundamental in Frage stellen kann.