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Glossar

 

Autobiographie

Das Genre der Autobiographie ist ein weitgreifender Begriff für die literarische Niederschrift des eigenen Lebens, in der sich das Individuum in die Geschichte und Gesellschaft einschreibt bzw. davon abgrenzt. Oft wird sie als nichtfiktionale Gattung definiert. „Eine Autobiographie ist ein nichtfiktionaler, narrativ organisierter Text im Umfang eines Buches, dessen Gegenstand innere und äußere Erlebnisse sowie selbst vollzogene Handlungen aus der Vergangenheit des Autors sind. Diese werden im Rahmen einer das Ganze überschauenden und zusammenfassenden Schreibsituation sprachlich so artikuliert, daß sich der Autobiograph sprachlich handelnd in ein je nach Typus verschiedenes (rechtfertigendes, informierendes, unterhaltendes u.a.) Verhältnis zu seiner Umwelt setzt. Durch diese besondere Form der Bezugnahme auf Sachverhalte unterscheidet sich die Autobiographie von den ebenfalls lebensgeschichtliche Fakten artikulierenden Gattungen Tagebuch, Brief und Biographie. (Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft 1997 Bd. I: 169) In der Literaturtheorie wird zwischen der klassischen Autobiographie und neueren Formen autobiographischen Schreibens unterschieden.

 

Autobiographischer Pakt

Das Konzept des autobiographischen Paktes stammt von dem französischen Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune (*1938). In den 70er Jahren versuchte Lejeune, den Gattungsbegriff der Autobiographie zu konkretisieren und sie von anderen Gattungen (Roman, Biographie) abzugrenzen. Nach Lejeune handelt es sich bei einem Text um eine Autobiographie, wenn Namensidentität zwischen AutorIn, ErzählerIn und ProtagonistIn besteht. In diesem Fall wird mit dem/r LeserIn ein autobiographischer Pakt abgeschlossen, durch den eine Rezeption des Textes als referentiell nahe gelegt wird. mehr

 

Bekenntnisse

Das Genre der Bekenntnisse ist eng mit der Praxis der Beichte verbunden, also aus einem religiösen Kontext heraus entstanden. Der/die Schreibende legt ein Zeugnis von sich selbst vor der Nachwelt ab, in dem er/sie „persönliche“, nicht unbedingt schuldhaft verstandene Erlebnisse ohne das Ziel der Entsühnung offen legt (Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft 1997 Bd. I: 209). Aurelius Augustinus schreibt um 400 in seinen Confessiones: „Nicht Dir, mein Gott, aber im Augenblick zu dir erzähle ich es meinen Mitmenschen, mögen es auch nur wenige sein, die diese meine Schrift zu Gesichte bekommen.“ (Wuthenow (1997))

Chicano/a

Der Ausdruck Chicano wird u.a. auf eine Verkürzung der Aussprache von „mexicano“ im 16. Jahrhundert („meshicano“/„mechicano“) zurückgeführt und war zunächst eine Bezeichnung für diejenigen MexikanerInnen (und ihre Nachfahren), die durch die Annexion von Texas und den Treaty of Guadalupe Hidalgo über Nacht zu US-StaatsbürgerInnen wurden. Vermehrt wurde der Begriff erst in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts im chicano movement gebraucht. Im Anschluss daran erfolgte eine Ausweitung des Begriffes hinzu einer Selbstbezeichnung , die ein politisches Bewusstsein für die eigene Lage impliziert, eine Art politische, kulturelle Identität; das heißt z. B. nicht jede/r mexikanisch-amerikanischen Ursprungs identifiziert sich als Chicano/a und gleichzeitig gibt es Personen mit anderem lateinamerikanischem Hintergrund, die sich als Chicanos/as bezeichnen. Zu Beginn der 1980er Jahre traten verstärkt Chicanas für eine Differenzierung der Bezeichnung als Chicano/a  und ihre genderspezifischen Problematiken ein (vgl. Lomelí, Urioste 1976: 9-13; Trujillo, Rodriguez 1985: i-iii, 1-6; Martínez, Lomelí 1985: xi-xiv, Bandau 2004: 9f).

 

Diaspora

Das Wort Diaspora kommt von dem griechischen Wort für ‚Verstreuen’ und bezieht sich auf die unfreiwillige Verstreuung von Menschen, die sich einem bestimmten Kulturkreis, Nation, Religion und/oder Region zugehörig fühlen. Durch bestimmte Rituale, Praktiken, Ideen, Kommunikation und weitere Austauschprozesse fühlen sich jene verstreut lebenden Menschen aber weiterhin einer imaginierten (Diaspora-)Gemeinschaft zugehörig. Der Begriff wurde zunächst für die jüdische Diaspora seit dem 6. Jahrhundert verwendet und ist heute ein weit gefasster Begriff für verschiedene transnationale Gemeinschaften, wie z.B. die armenische oder die irische Diaspora.  (http://de.wikipedia.org/wiki/Diaspora; Seminardiskussion; Ashcroft et. al. 2002: 68-70).

Beispiele:

 

Black Diaspora

Die Black Diaspora besteht im Allgemeinen aus einem Rückbezug auf ein mythisches Afrika, wobei die Gemeinschaft/Gemeinsamkeit das Verstreutsein durch den Sklavenhandel und die heutigen Erfahrungen von Rassismus aufgrund der schwarzen Hautfarbe ausmacht (Segal 1995, Ashcroft et. al. 2002: 68-70).

 

Haitianische Diaspora

Von haitianischer Diaspora wird vermehrt seit den 1980er Jahren geredet;  der Hintergrund dieses Exodus ist die desolate politische und wirtschaftliche Lage in Haiti. Die MigrantInnen-Ströme flossen vor allem in die USA, wobei viele HaitianerInnen sich in New York installierten, was aus der Flatbusch Avenue ein 'Haiti mitten in New York' gemacht hat. Während sich die emigrierten HaitianerInnen mit dieser Diaspora identifizieren, wird das Wort in Haiti hingegen oft als personifiziertes Schimpfwort gebraucht: als Verräter/in, der/die vor den Problemen in Haiti flieht, aber nur darauf wartet in ruhigeren Zeiten zurückzukommen und den Zurückgebliebenen die Arbeit wegzunehmen (Danticat 2001: xiv-xv, Glick Schiller 1999: 28f).

 

Ethnizität

Es gibt viele Definitionen von dem Konzept Ethnizität, das seit den 1960er Jahren verstärkt verwendet wird. Es lässt sich aber allgemein sagen, dass dieser Begriff versucht, den diskreditierten 'Rasse'-Begriff zu umgehen. Ashcroft et. al geben im Bezug auf Schermerhorn folgende Definition: “Ethnicity refers to the fusion of many traits that belong to the nature of any ethnic group: a composite of shared values, beliefs, norms, tastes, behaviours, experiences, consciousness of kind, memories and loyalities.” (Schermerhorn 1974: 2) Sie definieren Ethnizität als positiv besetzten Ort der (Selbst)identifikation, wobei die Ethnizität immer wieder neu von ihren Mitgliedern verhandelt werde (Ashcroft et. al. 2002: 80-84). Von einigen TheoretikerInnen wird der Begriff aber mittlerweile abgelehnt, da er die sozio-diskursive Tatsache von 'Rasse' verschleiern würde. (Siehe auch 'Rasse')

 

Exil

[lat. Exilium, zu ex(s)ul = in der Fremde weilend, verbannt]

Das Exil bezeichnet einen langfristigen Aufenthalt außerhalb des Heimatlandes, das aufgrund von Verbannung, Ausbürgerung, Verfolgung durch den Staat oder unerträglichen politischen Verhältnissen verlassen wurde (»Duden 2000).

Im Zusammenhang mit Exil wird auch von Exilliteratur gesprochen – Bekannte Autoren sind u.a. Thomas Mann, Bertolt Brecht, Antonio Skármeta und Salman Rushdie.

 

Gender

Der Ausdruck Gender (engl.) bezeichnet den sozial und kulturell bestimmten Geschlechterunterschied in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht (engl. „sex“). Begrifflich abgeleitet von der grammatikalischen Figur des Geschlechts in der Sprache (maskulin, feminin, neutrum), ist Gender als soziale Konstruktion gesellschaftlich bedingt, folglich veränderbar und muss im jeweiligen Kontext immer wieder neu definiert werden. Schon in den 80er Jahren gab es Kritik an dem noch jungen Konzept Gender, da die grundlegende Unterscheidung in biologisches und soziales Geschlecht den Prozess der Herstellung und Differenzierung von Geschlechtlichkeit und Sexualität aus dem Bereich des Sozialen und Politischen ausklammere. „Mittlerweile hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass auch das biologische Geschlecht nicht als eine ahistorische Größe wahrgenommen werden kann [...],  da nämlich auch das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als „naturhaft“ gilt, immer bereits im Kulturraum einer bestimmten Gesellschaft definiert ist.“ (Metzler Lexikon Gender Studies/Geschlechterforschung, Eintrag Gender/Geschlecht) Nach Joan Scott ist Gender ein konstituierendes Element von sozialen Beziehungen, die auf sexueller Differenz basieren. Gender sei eine primäre Form der Machtbeziehungen und hat folgende Dimensionen: 1. Kulturelle Symbole, die multiple Repräsentationen hervorrufen. 2. Normative Konzepte, die sich auf die Interpretation von der Bedeutung dieser Symbole auswirken. 3. Die Institutionen und soziale Organisationsformen, die sich auf die Geschlechterverhältnisse auswirken. 4. Die subjektive Identität. (1996: 289-291)

„Die Untersuchung des Geschlechterdiskurses [mittels Literaturanalyse] ermittelt den historischen Rahmen, in dem Männer und Frauen denken, reden und handeln, sie erfasst die Bedingungen der gesellschaftlichen Praktiken, nicht aber die gesellschaftliche Praxis in ihrer historischen Ereignishaftigkeit. Tatsächlich gelebte Wirklichkeit kann über sprachliche Überlieferungsträger, literarische oder nicht literarische, genauso wie über nichtsprachliche Überlieferungen immer nur (re-)konstruiert werden.“ (Metzler Lexikon Gender Studies/Geschlechterforschung, Eintrag Gender/Geschlecht).

 

Generation

Es lassen sich drei Generationen des Exils/ der Emigration unterscheiden: Zum einen die Elterngeneration, die meist aus politischen Gründen ihr Heimatland verlassen mußte. Die zweite Generation kann man nach Gustavo Pérez Firmat als "one-and-a-half-generation" bezeichnen. Die "One-and-a-halfer" haben einen Teil ihrer Kindheit in dem Ursprungsland verbracht und leben sich in die neue Kultur des Exillandes ein. Die dritte (im Sinne des vorherigen Satzes die zweite) ist die Generation der Kinder, die im Exilland ihrer Eltern geboren werden, in dieser Kultur aufwachsen und meist nur noch durch Erzählungen, Sitten und Traditionen mit dem Ursprungsland ihrer Familie in Berührung kommen.

 

Identität

Identität wird als ein selbstreflexiver Prozess gedacht, der kollektive und individuelle Selbstbildnisse verschränkt und zudem wesentlich von Narration bestimmt ist. Soziale Identität wird in der Dynamik des stetigen Identifizierens, Identifiziertwerdens und sich Identifizierens geprägt.

Nach Stuart Hall handelt es sich um temporär eingenommene Subjektpositionen, die durch diskursive Praktiken konstituiert werden. Gloria Anzaldúa spricht von Identität als einem „Arrangement von Bündeln, von Schichten von Selbstbildern, eine Geographie von Selbstbildern, die aus den verschiedenen Gemeinschaften entsteht, in denen man sich verortet“. (Anzaldúa 2002:238)

 

Little Havana - Miami, USA

Little Havana nennt sich ein Stadtteil Miamis, Florida/USA, in dem eine große Anzahl exilierter KubanerInnen leben. Die Benennung bezieht sich auf die Hauptstadt Kubas: Havanna.

Die meisten in Miami lebenden KubanerInnen flohen in den 60er Jahren nach der Kubanischen Revolution unter Fidel Castro, und siedelten sich der Nähe zu Kuba wegen in Miami an. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich eine kleine eigene Infrastruktur und Kultur gebildet, – die Exilgemeinschaft lebt ihre kulturellen Gewohnheiten im Exilland weiter. Viele dieser ExilkubanerInnen warten auf den Tag, an dem sie in ihre Heimat zurückkehren können. Deren Kinder haben sich häufig schon mit dem US-amerikanischen Lebensstil identifiziert.

 

Memoiren

Memoiren richten ihren Blick auf die Ereignisse einer Epoche, an denen der/die Erzählende nach Möglichkeit persönlich teilgenommen oder sie sogar herausragend beeinflusst hat. Im Gegensatz zur Autobiographie ist der/die VerfasserIn eher an der Geschichte der Epoche als an der seines/ihres eigenen Lebens und an der Entwicklung des eigenen Ichs der eigenen Innerlichkeit interessiert. (Wuthenow (1997))

„Memoiren verzichten im Gegensatz zur Autobiographie auf die detailreiche Wiedergabe innerer Erfahrungen und berichten vornehmlich über (häufig historiographisch relevante) Erlebnisse in Beruf und Gesellschaft sowie mit Begegnungen mit bekannten Zeitgenossen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeitsdarstellung sind dort nicht immer eindeutig, wo sich die Autoren bei der für die Gattung notwendigen Strukturierung lebensgeschichtlicher Zusammenhänge und der Synthese entsprechender Fakten partiell literarischer Darstellungsmittel bedienen...“ (Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft 1997 Bd. I: 169)

 

Outlaw-Genres

Als outlaw-Genres bezeichnet Caren Kaplan – außerordentliche Professorin für Women and Gender Studies an der University of California in Davis – Texte, die mit Hilfe unterschiedlicher Strategien Kritik an Patriarchat, Kapitalismus und Kolonialismus üben. Als mögliche Strategien zeigt Kaplan auf:

 

Women’s Prison Memoirs

Women’s Prison Memoirs definiert Caren Kaplan als eine Strategie des autobiographischen Schreibens in ihrer  Theorie der outlaw-Genres: “One form of subversion can be identified as the deconstruction of the individual bourgeois author (the sacred subject of autobiographical narrative) and the construction of a collective authorial entity – a kind of collective consciousness that ‘authorizes’ and validates the identity of the individual writer.” (Kaplan: 1992, 121)

 

Testimonial Literature

Testimonial Literature gehört zu Caren Kaplans „Strategie feministischen Schreibens“, welche sie unter outlaw-Genre zusammenfasst:   “Among the many important characteristics that Beverley cites as inherent to testimonio, the collectivization of authorship and the reassertion of orality against the dominance of writing in the culture of literature refer most directly to the question of autobiographical form. As an ‘extraliterary’ or ‘antiliterary form of discourse;’ testimonio replaces the 'author’ with two aspects of an authorial function: the ‘speaker’ who tells the story and the ‘listener’ who compiles and writes the narrative that is published. (Kaplan:1992, 123); ‘The phenomenon of a collective subject of the testimonial is, then, hardly the result of personal preference on the part of the writer who testifies. It is a translation of a hegemonic autobiographical pose into a colonized language that does not equate identity with individuality.’” (Doris Sommer) (Kaplan: 1992, 125).

 

Ethnography

Ethnography beschreibt Caren Kaplan als eine weitere Strategie des feministische Schreibens, die sie unter dem Begriff des outlaw-Genres zusammenfasst. “Reading ethnographic writing as an out-law genre challenges the traditional hierarchy of objective scientist and native informant in mainstream anthropology and demystifies the ‘literary’ classics of the field.” (Kaplan:1992, 125)

 

Biomythography

Biomythography fasst Caren Kaplan als Strategie feministischen Schreibens unter outlaw-Genre zusammen. “The generic strategies of the biomythography of lesbian and gay history currently include historical monograph and book, polemical critique, film and video and slide show, oral history, review essay, introspective analysis, academic/polemical anthology, novel and poem and short story, and undoubtedly others as well.” (Katie King) (Kaplan:1992, 129)

 

Cultural Autobiography

Cultural Autobiography beschreibt eine weitere Strategie des autobiographischen Schreibens, welche Caren Kaplan mit dem Begriff outlaw-Genres beschreibt. “The autobiography becomes a ‘place’, a safe location to keep crucial, culturally specific memories: ‘Remembering was part of a cycle of reunion, a joining of fragments, the bits and pieces of my heart that the narrative made whole again.’” (Kaplan:1992, 131)

 

Regulative Psychobiographies

Regulative Psychobiographies definiert Caren Kaplan al seine der neuen Formen des feministischen Schreibens, die mit dem klassischen Autobiographiegenre brechen und die sie unter dem neuen Begriff outlaw-Genres zusammenfasst. “Since poststructuralist psychoanalytic theories of subject formation and object relations cannot adequately address the constitution of the neocolonial subject and her oppressors, Spivak argues, feminist critics must develop an alternative procedure, a more intensely collaborative method. The ‘narrative' form that must be invented is “regulative psychobiography’: the expressions ‘that constitute the subject-effect of these women, give these women a sense of their ‘I’.” (Kaplan: 1992: 134)

 

Rasse

'Rasse' ist ein im Kontext des Kolonialismus entstandener Begriff zur Klassifizierung von Menschen als physisch, biologisch und genetisch unterschiedliche Gruppen, wobei aus diesem essentialistischen Konzept auch Rückschlüsse auf Verhalten und Fähigkeiten von Menschen geschlossen wurden. Dieses Konzept, das dem Rassismus entspringt und nicht umgekehrt, ist heutzutage wissenschaftlich unhaltbar. (Ashcroft et. al. 2002: 198ff). Dennoch hat 'Rasse' nach wie vor eine hohe diskursive Macht: “The most important fact about race was, as Fanon was the first to notice, that however lacking in objective reality racist ideas such as 'blackness' were, the psychological force of their construction of self meant that they acquired an objective existence in and through the behaviour of people. [...] However fictional race may be shown to be as an objective category, its power as a discursive formations remains unabated.[...]” (Ashcroft et. al. 2002: 205). (Siehe auch Ethnizität)

Während sich in den Kulturwissenschaften die Unhaltbarkeit des Konzeptes Menschenrassen weitestgehend durchgesetzt hat, erfährt es in den letzten Jahren eine starke Renaturalisierung im Feld der Humanbiologie, z.B. in der Pharmakogenetik, wo „Rasse“ eine erkenntnisleitende Kategorie darstellt für die Entwicklung und Patentierung „ethnienspezifischer“ Medikamente (Zulassung des Herzmedikamentes BiDil im Juni 2005 in den USA, welches laut Beipackzettel besonders für Schwarze wirksam sei). Die Auseinandersetzung um das Konzept „Rasse“ ist somit heute auch eine Auseinandersetzung um die Wirkmächtigkeit wissenschaftlicher Disziplinen für die Analyse des Sozialen. (Vgl.: Junker 2006).

 

Referentialität

Als Referenz bezeichnet man den „Akt sprachlicher Bezugnahme auf Gegenstände der Wahrnehmung oder die Objekte der Bezugnahme“ (Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft 2003 Bd. III). Dies können sein: Referenzen eines Textes auf die nichtsprachliche Welt, Referenzen eines Textes auf andere Texte oder Referenzen des auszulegenden Textes auf sich selbst. Ersteres ist für die Beschäftigung mit autobiographischen Texten besonders relevant: Es betrifft die Frage, inwieweit der Text vorgibt, Aufschluss über eine außerhalb des Textes liegende Realität zu geben, bzw. inwieweit er so gelesen und als entsprechend überprüfbar verstanden wird. Nach Philippe Lejeune sind Autobiographien referentielle Texte, indem sie sich auf eine verifizierbare Wahrheit außerhalb des Textes beziehen. Neuere Theorien der Autobiographie teilen diese Ansicht nicht; sie heben den fiktionalen Charakter des autobiographischen Schreibens im Sinne einer (Re-)Konstruktion erinnerten Lebens hervor.

 

Storytelling / Oral History

Das „storytelling“ ist ein Teil der oralen, mündlichen Tradition vieler afrikanischer und karibischer Kulturen. Es umfasst das Erzählen von fiktiven Geschichten oder realen Erlebnissen einer meist weiblichen Vortragenden an ihre ZuhörerInnen, welche durch eigene assoziative Gedanken und Bilder aktiv an dem Prozess des „storytellings“ teilnehmen. In vielen Kulturen kommt dem/r Geschichtenerzähler/in – meist ein älteres Familien- oder Gemeindemitglied – eine besondere Bedeutung zu. Da die Geschichten nicht schriftlich fixiert sind, sondern nur aus der Erinnerung wiedergegeben werden, sind sie Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses dieser Kulturen.

 

Transnationalität

[aus lat. trans= (hin)über u. national]

Das Phänomen der Transnationalität bezeichnet mehrere Nationen umfassende und übergreifende Akteure und Prozesse und bezieht sich vornehmlich auf grenzüberschreitende soziale Bewegungen, wie beispielsweise die von Einwanderern geformten Gemeinschaften. Ein wesentlicher Anstoß für Transnationalisierung sind somit globale Wanderungsbewegungen sowie ihre individuellen Lebensgeschichten und kollektiven Biografien. Transmigranten leben dauerhaft an zwei und mehr Orten, sprechen ständig zwei und mehr Sprachen, besitzen zwei und mehr Pässe und durchwandern improvisierte Familienhaushalte, Beziehungsnetze und Kommunikationsräume kontinuierlich in beide Richtungen (vgl. »Duden 2000 & »Brockhaus Enzyklopädie Online). Innerhalb dieser zwischen Homogenisierung und Differenzierung verlaufenden Reformulierung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gemeinschaft lässt sich auch von „Identitäten in Bewegung“ sprechen (»Goldin 1999).

Diese soziokulturellen Prozesse spiegeln sich auch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene wider: So sind transnationale Unternehmen und Migrationsströme genauso Teil der globalisierten Welt heute wie das transnationale Medium par excellence, das Internet (»Brockhaus Enzyklopädie Online).

 

Trauma

[griech. Wunde]

Ein Trauma bezeichnet in der Medizin eine Wunde oder Verletzung durch äußere Gewalteinwirkung, in der Psychologie eine starke seelische Erschütterung, die im Unterbewusstsein noch lange wirksam ist (vgl. »Duden 2000 & »Duden – Das Fremdwörterbuch 2005). Dieses Fortwirken drückt sich symptomatisch durch das erneute Durchleben des Traumas, durch seine Wiederholung seitens der traumatisierten Person (»Caruth 1996: 4) sowie durch die Unfähigkeit über das Geschehene zu sprechen aus (»McClennen 2005: 169-188).

Laut Dominick LaCapra können Traumata auch zur Identitätsgrundlage eines Individuums oder einer Gruppe werden (»LaCapra 2001: 23).