Cuba

Forschungsschwerpunkte

Regional

  • Andenraum

Thematisch

  • Ethnizität und indigene Bewegungen
  • Raumforschung
  • Performance-Ansätze und kulturelle Performances
  • Postcolonial Studies

Magisterarbeit

„Zur Repräsentation sozialer Kategorien auf den Casta-Gemälden Neu-Spaniens des 18. Jahrhunderts“

Die Magisterarbeit „Zur Repräsentation sozialer Kategorien auf den Casta-Gemälden Neu-Spaniens des 18. Jahrhunderts“ im Fach Altamerikanistik (Betreuerinnen: Prof. Dr. Karoline Noack und Prof. Dr. Ingrid Kummels) setzt sich unter Bezugnahme auf postkoloniale Ansätze kritisch mit der Interpretation der Gemälde als Abbild sozialer Realität auseinander.

Bei den Casta-Gemälden handelt es sich um Gemäldeserien aus 16 Einzelbildern, von denen heute circa hundert Serien bekannt sind. Sie entstanden im Verlauf des 18. Jahrhunderts im Vizekönigreich Neu-Spanien (heutiges Mexiko). Wer die Auftraggeber, Maler, Besitzer und Betrachter waren, ist bislang weitestgehend unbekannt. Mit ihrem Namen als Castas-Gemälde – wobei Castas die ‚Bevölkerung gemischter Herkunft‘ bezeichnet – werden sie mit einer als Casta-System vorgestellten kolonialen sozialen Ordnung assoziiert, nach der die Bevölkerung aufgrund ihrer ‚(biologischen) Herkunft‘ hierarchisiert wurde. Die Gemälde zeigen Elternpaare und ihr gemeinsames Kind, die über Bildinschriften unterschiedlichen sozialen Kategorien – historisch dokumentierten wie Mestizo, Español oder India, und phantastischen wie Tente en el Aire oder No te entiendo – zugeordnet werden. Die naturalisierte Darstellung von ‚Vermischungsprozessen‘ (mestizaje) wird ergänzt durch die Darstellung der Personen beim Ausüben von Berufen oder alltäglichen Tätigkeiten, in Szenerien auf Straßen oder Innenräumen und gekleidet in unterschiedlichen Modestilen.

Unter der Annahme, dass ‚Vermischung‘ kein an sich bedeutungsvoller Prozess ist, sondern erst in konkreten historischen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten Bedeutung erlangt, konnte gezeigt werden, dass Vorstellungen aus Spanien – wie die Doktrin der ‚Reinheit des Blutes‘ (limpieza de sangre), Vererbungsrechte und die hippokratisch-galenische Temperamentenlehre – im 16. Jahrhundert in Neu-Spanien adaptiert wurden, um Macht- und Herrschaftspositionen von Kreolen zu etablieren und gegenüber der spanischen Krone zu verteidigen. Kreolen legitimierten ihre privilegierte soziale Position, indem sie, obwohl in Neu-Spanien geboren, erklärten ‚rein spanischer Herkunft‘ zu sein. Die naturhistorischen Diskurse der Aufklärung sowie die von den neuen bourbonischen Machthabern durchgeführten politischen und wirtschaftlichen Reformen stellten im 18. Jahrhundert diese Behauptung in Frage. Kreolen mussten nun vermehrt für den Zugang zu Ämtern ihre ‚Reinheit des Blutes‘ nachweisen. Damit einher gingen zunehmende Abgrenzungsbestrebungen der Kreolen gegenüber einer sich herausbildenden städtischen Unterschicht, die ihnen alle als Castas – ‚Vermischte‘ – galten.

Die Analyse verdeutlicht, dass die Gemälde damals zirkulierende Diskurse aufgriffen und selbst an der Konstruktion von ‚Herkunft‘ als sozialer Kategorie mitwirkten. Differenzkonstruktionen und die Zuordnung zu einer sozialen Kategorie sind eingelassen in komplexe Vorstellungen. Die öffentliche Reputation, in die die sozialen Evaluierungen hinsichtlich Ehre-Vorstellungen, Beruf, Kleidungsstil, Sprachkenntnissen und Wohnort einfließen, scheint für die Klassifizierung als Kreole ausschlaggebend gewesen zu sein. Ausgehend von dieser Lesart der Gemälde eröffnet sich ein dynamischer Blick auf die koloniale Gesellschaft: Die Aushandlungsprozesse und Hierarchisierungen nach ‚biologischer Herkunft‘, wie sie die Casta-Gemälde vermitteln möchten, sind mehr als ein ideologisches Konstrukt der Kreolen denn als soziale Realität zu bewerten.