Springe direkt zu Inhalt

Digitale Anthropologie und Medienanthropologie

(c) Ingrid Kummels

Die Digitale Anthropologie ist seit dem Beginn dieses Millenniums eine Subdisziplin der Kultur- und Sozialanthropologie, die auf der Visuellen Anthropologie und Medienethnologie aufbaut. Nicht allein die neue Zugänglichkeit der Technologie und die Einführung des Web 2.0, die Nutzer*innen anregt, Inhalte zu erstellen und in einem weltumspannenden digitalen Netz zu teilen, hat ihr den Weg bereitet. Vielmehr ist die Digitale Anthropologie aktuell ein angemessener und oft notwendiger Zugang, um soziale Beziehungen im Allgemeinen qualitativ und induktiv zu untersuchen, so wie dies in der Kultur- und Sozialanthropologie üblich ist. Soziale Beziehungen werden seit jeher mit Hilfe von Kommunikationsmitteln gestaltet: Auch das Gesicht, die Gestik und die Kleidung dienen der Informationsübertragung im Rahmen einer face-to-face-Interaktion, die nach eigenen Regeln und Ritualen verläuft. Nutzer*innen eignen sich für einen screen-to-screen-Austausch die aktuell verbreiteten Social Media wie Facebook, Whatsapp, Twitter, Instagram und TikTok in kulturell angepassten Formen an. Medienethnolog*innen sind der Ansicht, dass die Nutzer*innen so im Prinzip altbekannte Modi der Interaktion mit der aktuellen Technologie weiterführen.

Zugleich verändern die Nutzung von Social Media und die sozio-digitale Praktiken alle Felder, die damit gestaltet werden: etwa die Arbeit, die Freizeit, die politischen Organisationsformen sowie das Verhältnis zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Zu den Dynamiken dieser Kommunikationsformen zählt ihre große Abhängigkeit von den marktführenden Privatunternehmen, die sie monopolisieren; auch betreiben die Staatsregierungen mehr oder weniger strikte Formen ihrer Regulierung. Auf der anderen Seite bieten digitale Kommunikationsformen neue Chancen für eine Verständigung aus der Ferne – wie wir sie gerade inmitten der Covid-19-Pandemie erleben. Mobile und immobilisierte Akteure, wie Migrant*innen, die im Zielland illegalisiert sind, haben seit Jahren einen kreativen Umgang mit digitalen Medien entwickelt. Mittels neuer Formate etwa im Bereich, der früher dem professionellen Journalismus vorbehalten war, öffnen sie Medienräume für neue Öffentlichkeiten. Die Spannweite der Akteur*innen, die sich im Netz kundtun, umfasst alle politischen Couleurs und gesellschaftlichen Interessensgruppen von zivilgesellschaftlichen Vereinen über Netzaktivist*innen bis hin zu den Kartellen organisierter Kriminalität. Zugleich entstehen im Zuge des digital divide – des ungleichen Zugangs zu digitaler Technologie und Dienstleistungen – und generationalen Unterschieden in der Medienkompetenz (Stichwort: digital natives) neue Schieflagen.

     

(c) Ingrid Kummels  

    

(c) Laura Malagón

Digitale Anthropologie ist einer der Schwerpunkte der Kultur- und Sozialanthropologie am Lateinamerika-Institut. Wir vermitteln Wissen aus unserem Bereich seit Langem über digitale Plattformen; siehe https://www.lai.fu-berlin.de/e-learning/projekte/caminos/index.html und über die LAI-Mediathek: https://www.lai.fu-berlin.de/institut/Mediathek/index.html. In Promotionsvorhaben werden die spezifischen Charakteristiken von kulturellen Beziehungen und gesellschaftlichen Institutionen untersucht, die digital mediatisiert sind. Kontakte, die über Social Media geknüpft werden, folgen ihren eigenen Regeln und Ritualen. Die digitalen Akteure, die sich im Netz mit kulturellen, sozialen und politischen Anliegen präsentieren, können Individuen, Geschäftsleute, ethnische Kollektive oder politische Gruppierungen sein. Wir fragen nach den digitalen Praktiken, die sie betreiben, wie sie User*innen mobilisieren sowie nach der gesellschaftlichen Position und Wirkung ihrer Plattformen. Welche Geschichten, welches Kulturerbe und welches Wissen wird darüber archiviert und verbreitet? Welche Öffentlichkeiten erzeugen u. a. neue Akteure wie ethnic influencers, digitale Diasporas und Internet-Guerillas?

Die Kultur- und Sozialanthropologie am Lateinamerika-Institut ist Mitglied des EASA Media Anthropology Network, siehe: https://easaonline.org/networks/media/

Estudios en Inclusión, Interseccionalidad y Equidad
Temporalities of Future
Zwischen Räumen
Forschungszentrum Brasilien