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Doktorandentagung 2007

 

Neue Forschungen zur Geschichte Lateinamerikas

Tagungsbericht Doktorandentreffen 2007

Veranstalter: Professur für Geschichte Lateinamerikas, Lateinamerika-Institut der FU Berlin

Bericht von: Dr. Franka Bindernagel, FU Berlin, E-Mail: franka.bindernagel@web.de

Datum, Ort: 12.7.-14.7.2007, Berlin

 

  1. Programm und Struktur der Tagung

  2. Vorträge und Diskussionen

  3. Fazit

 

Programm des Doktorandentreffens 2007 (PDF)

1. Programm und Struktur der Tagung

In den letzten Jahren sind im Forschungsbereich der Geschichte Lateinamerikas erhebliche Veränderungen zu beobachten gewesen. Dazu gehörte ein Generationenwechsel auf fast allen deutschen Professuren. Forciert durch diesen Wechsel kristallisierten sich neue Forschungsschwerpunkte heraus, z.B. vermehrte Forschungen zum 19. und 20. Jahrhundert sowie kulturgeschichtliche und transnationale Ansätze. Früheren Traditionen des Forschungsbereichs folgend, lud das Lateinamerika-Institut (LAI) im Juli 2007 zu einem Doktorandentreffen ein, zu dem auch die ProfessorInnen sowie Dozenten aus Bielefeld, Bremen, Erfurt, Hamburg, Köln, Münster und Nürnberg-Erlangen anreisten. Eingeladen waren die WissenschaftlerInnen der Professuren, die sich explizit mit der Geschichte Lateinamerikas beschäftigen. Ziel war es, die aktuellen Forschungsthemen und -trends zu diskutieren, sowie den Austausch und die Vernetzung unter den WissenschaftlerInnen zu stärken. Das Programm erstreckte sich über drei Tage und bestand hauptsächlich aus den Vorträgen der DoktorandInnen und anschließenden Diskussionen im Plenum.

 

Innerhalb der großen thematischen Bandbreite arbeiten mehrere DoktorandInnen an Projekten zu politischem Widerstand und Revolution, wobei die methodischen Zugriffe von der Bewegungsforschung bis hin zu den Subaltern Studies reichen. Auch der Gegensatz von Konservatismus und Liberalismus stand im Mittelpunkt mehrerer Präsentationen, was auf ein kontinuierliches Interesse an der politischen Geschichte Lateinamerikas verweist. Daneben gewinnen die Schwerpunkte Erinnerung, Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis ebenso wie die Kategorie Wissen an Bedeutung, insbesondere für Studien von nation building-Prozessen und Herrschaftspraktiken. Sie verweisen aber auch auf Ansätze der transnationalen Geschichtsschreibung und der global history, wenngleich diese eigentlich sehr aktuellen Debatten nur in einzelnen Vorträgen explizit diskutiert wurden.Regional konzentrierte sich die Mehrzahl der Vorträge auf Mexiko und den Andenraum.

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2. Vorträge und Diskussionen

Prof. Stefan Rinke vom LAI eröffnete die Tagung mit einem Überblick über die aktuellen Herausforderungen der geschichtswissenschaftlichen Lateinamerikaforschung. Es folgten am ersten Konferenztag vier Vorträge, die sich mit politischen Konflikten sowie Themen der Gewalt- und Konfliktforschung beschäftigten. Hinnerk Onken von der Universität Hamburg referierte über „Konflikte in Arequipa in der Zeit der ‚Aristokratischen Republik’, 1895-1919“. Onken will in seiner Dissertation das zunehmende Selbstbewusstsein peruanischer Subalterner und ihr Streben nach politische Partizipation analysieren. Anschließend wurden vor allem Kernbegriffe der Arbeit diskutiert. So etwa schien es schwierig, einen abgrenzbaren Begriff der „Subalternen“ und der „Elite“ zu finden. Ferner wurde gefragt, ob die „diskursive Proletarisierung“, wie Onken das Aufgreifen sozialistischer Rhetorik und Symbole in Abwesenheit einer tatsächlichen Industrialisierung nannte, nicht in eine echte Proletarisierung übergegangen sei. Brenda Escobar von der LMU München präsentierte ihr Projekt „Guerillas im kolumbianischen ‚Bürgerkrieg der Tausend Tage’ (1899-1902)“, währenddessen sie die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Umbrüche in der kolumbianischen Region Tolima untersucht. Die Genese der liberalen Guerilla und ihre politische Ausrichtung standen während der Diskussion im Vordergrund.

 

Intensive methodische Diskussionen begleiteten die nachfolgenden Beiträge. Albert Manke von der Universität Köln stellte  sein Projekt „Die Bildung und Organisation der kubanischen Nationalmiliz, 1959-1961“ vor. Die bisherige Forschung konzentrierte sich auf die internationalen Beziehungen und Konflikte um Kuba sowie auf die Revolutionsphase. Manke hingegen beleuchtet die innerkubanischen Entwicklungen in den Jahren vor der Revolution. Die „Revolutionäre Nationalmiliz“ war die erste große Massenorganisation, die in ihrer Zusammensetzung die kubanische Gesellschaft weitgehend repräsentierte und deren Mitglieder freiwillig und aktiv zur „Verteidigung der Revolution“ nach innen und außen beitragen wollten. Dass Manke vorrangig auf Zeitzeugeninterviews zurückgreift, hat die meisten Einwände hervorgerufen. Die Probleme der oral history wurden als größte Herausforderung des Projekts bewertet. Insgesamt stieß das außergewöhnliche Thema und die bisher sehr erkenntnisreichen Forschungen Mankes aber auf positive Resonanz. Sebastian Chávez von der Universität Göttingen untersucht den „Leuchtenden Pfad“ in Peru, konkret die „Entstehungsbedingungen und Verlaufsformen von politischer Gewalt, 1970-1994“. Chávez will sich der Methoden der Bewegungsforschung bedienen und nutzt die Unterlagen der peruanischen Wahrheitskommission. Inwieweit der methodische Ansatz und die wiederholte Auswertung des Quellenkorpus Früchte tragen werden, bleibt abzuwarten. Die lebhafte Diskussion erbrachte jedenfalls weitere inhaltliche und methodische Anregungen.

 

Einen weiteren Schwerpunkt der Tagung bildeten mehrere kulturgeschichtliche Vorträge.  Inga Luther aus Berlin plant ein Dissertationsprojekt zur „Inszenierung der Nation, Unabhängigkeitsfeiern in Guatemala ab 1921“. Nationale Feiertage sollen als soziale Konstruktionsprozesse und Schauplatz für heterogene Geschichtsdeutung erforscht werden.  „Erinnerung“, „Ritual“ und „Performanz“ bilden dabei wesentliche theoretische Begriffe. Die Einbeziehung marginalisierter Akteure in die Untersuchung wurde auf Grund der schwierigen Quellenlage skeptisch beurteilt. Insgesamt stieß das Projekt jedoch auf sehr positive Resonanz. Tatjana Louis von der Universität Köln wählte einen soziologischen Zugriff während ihres Projektes  „Erinnerung und Identität bei der vertriebenen Bevölkerung in Bogotá, Kolumbien“. Louis führte eine Reihe von Interviews mit Vertriebenen, vor allem Frauen, und referierte erste Ergebnisse. Ebenfalls von der Universität Köln kam Katharina Hausmann, die sich mit dem spanischen Bürgerkrieg im spanischen Kinofilm der transición beschäftigt. Hausmann geht davon aus, dass der Kinofilm eine entscheidende Rolle für den Umgang mit der spanischen Vergangenheit spielte. Zum Thema „Geteilte Erinnerungen, verwobene Geschichten: Die (Wieder-)Entdeckung der Verschwundenen des Spanischen Bürgerkriegs: ein Beispiel transnationaler Erinnerung(en)?“ sprach Nina Elsemann von der FU Berlin. Sie untersucht, inwieweit die verspätete öffentliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Spanien mit neueren globalen Entwicklungen und Diskursen zusammenhängt, insbesondere mit Erfahrungen in Südamerika. Im Fokus stehen dabei die desaparecidos, die Verschwundenen der Militärdiktaturen Südamerikas. Sie avancierten zur Schlüsselfigur in den Debatten um die jeweiligen Vergangenheiten von Krieg und Repression. Der Begriff wird mittlerweile auch in Spanien angewendet und auf die Verschwundenen des Bürgerkriegs übertragen. Elsemann versucht diese transnationalen Verflechtungen der Diskurse aufzuspüren und sichtbar zu machen, was methodisch ausgesprochen schwierig ist.

 

Thematisch und zeitlich passten die Vorträge von Ulrike Bock (WWU Münster) und Sebastian Dorsch (Universität Erfurt) besonders gut zusammen. Bock referierte über „Die symbolische Repräsentation ethnischer und territorialer Kollektive in Yucatán (1786-1825)“ und Dorsch analysierte „Verfassungskulturen und parlamentarische Inszenierung staatlicher Autorität: Der mexikanische Bundesstaat Michoacán 1821-1835“. Bocks Untersuchung der Repräsentation einzelner Kollektive, wie etwa indigener Gemeinschaften oder farbiger Milizen, und ihrer Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der politischen Transformationen in der Unabhängigkeitsphase Mexikos bezieht Feste, politische Akte sowie Konflikte um öffentlichen Raum und territoriale Zugehörigkeit ein. So hatten etwa Veränderungen der administrativen Struktur Yucatáns zur Verstärkung territorial begründeter Identitäten geführt. Auch Spanien stellte noch lange einen wichtigen territorialen Bezugspunkt da. Die anschließende Diskussion bemühte sich um eine Präzisierung der Begriffe und der Quellen. Insbesondere das zu untersuchende Publikum der Feiern ist schwer zu erfassen. Sebastian Dorsch diskutierte in seinem Vortrag die Bedeutung von Wahlen im mexikanischen Bundesstaat Michoacán in den ersten Jahren der mexikanischen Unabhängigkeit. In der Diskussion wurde besonders auf die Diskrepanz zwischen Verfassungsstatut und -wirklichkeit eingegangen. Die praktische Ebene der Wahlen und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Wahlgesetze steht aber weniger im Mittelpunkt der Arbeit als die Definition der Bürger in Abgrenzung zu den ausgegrenzten Gesellschaftsschichten  durch die Eliten Michoacáns.

 

Den einzigen wirtschaftshistorischen Vortrag hielt Michael Wagner von der Universität Erfurt. Er referierte über „Das Auto in der mexikanischen Automobilwerbung in den 1910er Jahren“. Bisher gibt es nur  Studien über die historische Entwicklung der Eisenbahn in Mexiko, obgleich sie in der aktuellen Infrastruktur des Landes unterrepräsentiert ist. Mexiko ist ein Automobilland, was Wagner zu seiner Untersuchung veranlasste. Wagners Thema umgreift wirtschaftshistorische Aspekte ebenso wie ikonographische, soziale und migrationshistorische Aspekte, die auch Gegenstand der Diskussion waren. Antje Schnoor von der WWU Münster geht in ihrer Dissertation auf „Die Rolle der Kirche während der Militärdiktatur in Chile“ ein. In ihrem Vortrag stellte sie die Haltung der Kirche in den Kontext der Transformationen innerhalb der lateinamerikanischen Kirche während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65). Die Forderungen nach mehr Einsatz der Kirche für die Armen und für die Demokratisierung des Kontinents haben im Chile Pinochets, insbesondere beim niederen Klerus, zu einer regimekritischen Position geführt. In der Diskussion wurde demgegenüber auf die Fragmentierung des niederen Klerus hingewiesen. Wichtige Impulse für eine regimekritischere Haltung waren nicht nur aus befreiuungstheologisch, sondern auch aus reformistisch orientierten Strömungen wie etwa der Acción Católica gekommen. Weiterhin waren Teile des niederen Klerus in regimenahen ultrakonservativen Gruppierungen organisiert. Das größte methodische Problem des Projekts wurde in der repräsentativen Auswahl von Interview-Partnern gesehen.

 

Während zweier Vorträge rückte die 68er Bewegung in den Blick. Jan Kunze von der Universität Bielefeld steht mit seinem Projekt, die 68er Bewegung  Lateinamerikas zu untersuchen, noch am Anfang. Kunze stellt sich die Frage, ob und inwieweit Lateinamerika Teil eines so genannten globalen „1968“ war. Die auf die Kubanische Revolution folgende „revolutionäre Ära“ in Lateinamerika war geprägt durch eine politische Polarisierung und Radikalisierung, in der in Theorie und Praxis neue Ausdrucksformen entstanden und sich in der gesellschaftlichen Entwicklung vieler Länder die politische und kulturelle Revolte verschränkten. Dorothee Weitbrecht von der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sich schon länger mit dem „Internationalismus der bundesdeutschen Studentenbewegung von 1968 am Beispiel Lateinamerikas“. Sie will den Entstehungszusammenhang, die theoretische Einflussgeschichte und das personelle Beziehungsnetz des studentischen Internationalismus vor allem in Berlin darstellen. Weiterhin geht sie der Frage nach, wie sich die theoretische Zielsetzung gegenüber dem praktischen Engagement vor Ort verhielt und ob sich aus einer ursprünglichen Revolutionsromantik engagierte Solidarität entwickeln konnte, die sich in den 70er Jahren in der Bundesrepublik fortsetzte.

 

Marc-André Grebe von der Universität Bielefeld sprach über „Die Entwicklung und Rolle der Archive als Herrschaftsinstrument der spanischen Krone (1516-1598)“ und damit als Einziger über ein explizit frühneuzeitliches Thema. Am Beispiel des Kronarchivs Archivo General de Simancas in Spanien will Grebe untersuchen, wie Herrschaft in der Frühen Neuzeit mittels eines umfangreichen Verwaltungsapparates funktionierte. So trat zu der unter Karl V. dominierenden Schutzfunktion des Archivs – d.h. der sicheren Verwahrung der Dokumente – unter dem „bürokratischen“ Monarchen Philipp II. vor allem die Aufgabe als „Langzeitgedächtnis der Administration“ (E. G. Franz) hinzu.

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3. Fazit

Während der Schlussdiskussion, die Prof. Dr. Stefan Rinke, Prof. Dr. Delia González de Reufels und Dr. Antonio Sáez-Arance eröffneten, wurde intensiv über die Verschiebung der Forschungsschwerpunkte diskutiert. Noch bis vor einigen Jahren dominierten kolonialhistorische Forschungsthemen sowie Themen aus der „Sattelzeit“, d.h. aus der späten Kolonialphase und der frühen nationalstaatlichen Phase. Die Tagung zeigte jedoch, dass ein einschneidender Trend weg von der Frühen Neuzeit zu beobachten ist. Problematisch erscheint, dass die kompetente kolonialhistorische Forschung abzubrechen droht, andererseits besteht ein erhöhter Bedarf sowie vermehrte Möglichkeiten der Untersuchung neuester Themen. Die kommenden 200-Jahrfeiern der Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Länder werden auch dort historische und erinnerungskulturelle Debatten erneut auslösen und verstärken.

 

Im nächsten Jahr wollen sich die HistorikerInnen in Bremen wieder treffen. Eventuell soll die Tagung dann ausgebaut und z.B. durch einen Methodenworkshop erweitert werden. Es bestehen auch Erwartungen, noch intensiver über Ansätze der Global- und Verflechtungsgeschichte diskutieren zu können und so die klassischen, verengenden Kategorien der „außereuropäischen Geschichte“ bzw. der „Regionalwissenschaft“ zu hinterfragen und zu durchbrechen. Insgesamt besteht die Erwartung, regelmäßige DoktorandInnentreffen zu veranstalten, um so den fruchtbaren Austausch voranzutreiben.

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