Wir trauern um Ricardo Pérez Montfort
News vom 13.03.2026
Das Lateinamerika-Institut und das Internationale Graduiertenkolleg (IGK) Temporalities of Future trauern um Ricardo Pérez Montfort, der nach schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren verstorben ist.
Mit Ricardo verlieren wir nicht nur einen herausragenden Wissenschaftler, sondern auch einen langjährigen Weggefährten und Freund, dessen geistige Präsenz, Herzlichkeit und unerschöpfliche Neugier unser akademisches Leben über viele Jahre hinweg bereichert haben.
Ricardo Pérez Montfort war von Beginn an Antragsteller und engagierter Wissenschaftler im Graduiertenkolleg Entre Espacios und trug maßgeblich dazu bei, das Projekt gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen in Berlin und Mexiko in die zweite Förderphase zu führen. Auch das IGK Temporalities of Future wurde von ihm mitinitiiert und konnte 2023 erfolgreich in eine weitere Förderperiode gehen. Über all diese Jahre war Ricardo ein ebenso verlässlicher wie inspirierender Partner, Berater, Betreuer und Freund für die Mitglieder des Kollegs.
Als Professor am Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropología Social (CIESAS) und an der Universidad Nacional Autónoma de México war Ricardo ein außergewöhnlich vielseitiger und interdisziplinärer Forscher. Mit großer intellektueller Beweglichkeit verband er Ethnologie, Anthropologie und Geschichts- und Kulturwissenschaft. Seine Arbeiten über Fotografie, Kino sowie andere visuelle, audiovisuelle und musikalische Ausdrucksformen haben Generationen von Studierenden und Doktorandinnen geprägt. Ebenso wegweisend sind seine Forschungen, die stets von einer kritischen, differenzierten und sensiblen Perspektive getragen waren.
Sein historisches Denken war von einer seltenen Verbindung aus analytischer Schärfe und poetischer Sensibilität geprägt. Ricardo verstand Kulturgeschichte nicht nur als wissenschaftliche Aufgabe, sondern auch als eine Form des Staunens über die Welt, als eine Suche nach den ästhetischen Erfahrungen, der Freude und auch den Momenten des Widerstands, die sich in kulturellen Praktiken ausdrücken. Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen und Forschungsinteressen hat er über mehr als vier Jahrzehnte hinweg immer wieder gezeigt, wie fruchtbar es sein kann, vertraute Dinge durch historische Analyse neu zu denken.
Sein wissenschaftliches Werk spiegelt diese intellektuelle Weite eindrucksvoll wider. Seit den 1980er Jahren veröffentlichte Ricardo grundlegende Studien zur Kulturgeschichte Mexikos und zum populären Nationalismus. Seine frühen Arbeiten zur kulturellen Konstruktion von Nation und Identität mündeten in einflussreiche Bücher, in denen er die visuellen und symbolischen Formen des Nationalismus untersuchte. In den folgenden Jahrzehnten erweiterte er diese Perspektive durch Studien zu Musik, Kino, Fotografie und anderen Ausdrucksformen der populären Kultur sowie durch Analysen konservativer und hispanistischer Ideologien in Mexiko und Lateinamerika. Seine späteren Arbeiten vertieften diese kulturhistorischen Fragestellungen und verbanden sie mit breiteren Reflexionen über Erinnerung, kulturelle Imagination und die Geschichte der Drogenpolitik. Sein Opus Magnum ist zweifellos die dreibändige Biographie des mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas. Über mehrere Jahrzehnte hinweg entstand so ein Werk, das die Geschichtsschreibung Mexikos nachhaltig geprägt hat und für das Ricardo vielfach ausgezeichnet wurde unter anderem mit dem Humboldt-Forschungspreis.
Doch wer Ricardo Pérez Montfort kannte, wird sich nicht nur an seine Bücher und Ideen erinnern. Eine Dimension des Wirkens von Ricardo, die sein ganzes Leben auszeichnete, war seine enorme menschliche Wärme und Zugewandtheit. Er begegnete allen Menschen mit Offenheit und Respekt, unabhängig von Rang oder sozialem Hintergrund. Mit seinem Humor, seiner Großzügigkeit und seiner Zugewandtheit gewann er schnell die Sympathie und Zuneigung der Menschen um ihn herum. Sein geradezu enzyklopädisches Wissen über Mexiko und Lateinamerika, seine Erfahrungen als fahrender Künstler, Journalist, Filmemacher, Literat sowie seine Leidenschaft als Forscher und inspirierender akademischer Lehrer machten ihn zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit – vielleicht am treffendsten beschrieben durch das Wort: Menschenfreund.
Mit Ricardo Pérez Montfort verlieren das IGK und das LAI einen seiner treuesten und profiliertesten mexikanischen Kooperationspartner und einen großartigen Freund. Sein Denken, seine Menschlichkeit und seine Lebensfreude werden uns in lebendiger Erinnerung bleiben.
Wir werden ihn sehr vermissen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie.
