Cofradía

Cofradía

Cofradía
Bildquelle: © Cristina Guzmán http://www.scielo.cl/pdf/chungara/v38n1/art05.pdf

„Mit dem spanisch-portugiesischen Begriff cofradía werden Bruderschaften innerhalb der Kolonialgesellschaft in Übersee bezeichnet. Diese Laienvereinigungen haben ihren Ursprung im frühmittelalterlichen Europa. Die Reconquista und die damit verbundene christliche Re-Missionierung wiesen den cofradías eine besondere Bedeutung zu. Es lag nahe, dass cofradías innerhalb des Missionswerkes der röm.-kath.Kirche in der neuen Welt als ein hervorragendes Mittel zur Vertiefung des christlichen Glaubens bei den [indigenen] Neuchristen betrachtet wurden.

Bereits in den 1520er Jahren – die militärische Eroberung des aztekischen Reiches war 1521 beendet - gründete der franziskanische Laienbruder Pedro de Gante die erste [indigene] cofradía Amerikas, die Cofradía del Santissimo Sacramento im heutigen Einzugsgebiet von Mexiko-Stadt. Angesicht der Epidemien, die in Folge der Eroberung unter den [Indigenen] wüteten, boten cofradías mit ihrem Konzept der Vermittlung christlicher Werte durch karitatives Handeln eine gute Möglichkeit zur Einlösung des Missionsauftrages.

Auch die spanische respektive die portugiesische Krone, denen innerhalb des regio patronato, d.h. des königlichen Patronats über Kirchenangelegenheiten, die Hoheit über die überseeische Kirche oblag, standen den cofradías und ihrem Wirken wohlwollend gegenüber, versprachen sie sich doch von der Vermittlung christlich-abendländischer Werte und deren Umsetzung im Alltag eine leichtere Integration der indianischen Bevölkerung in die koloniale Gesellschaft. Damit sollte einerseits eine dauerhafte Befriedung der eroberten Gebiete in Übersee erreicht und so die militärisch-politische Abhängigkeit des Mutterlandes von den spanischen Siedlern abgebaut werden. Andererseits hoffte man, die Gefahr von Aufständen und Unruhen innerhalb der autochthonen Bevölkerung in dem Maße zu verringern, in dem Letztere die christlich-europäischen Werte und Normen verinnerlichte und sich als Untertan der europäischen Krone verstand. Eine ähnlich befriedende Wirkung erhoffte man sich nach Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven von deren Christianisierung; sie sollten ihr Schicksal akzeptieren, nicht rebellieren.

Tatsächlich wurden cofradías von den [Indigenen] aber auch von den Afroamerikanern Iberoamerikas begeistert angenommen. Oft waren Aufgaben und Funktionen der cofradías nur scheinbar katholisch, denn es kam vor, dass der Schutzpatron der Bruderschaft zwar dem Namen nach ein katholischer Heiliger war, sich dahinter tatsächlich aber Eigenschaften einer indianischen oder afrikanischen Gottheit verbargen. [...] Zudem waren cofradías Laiengruppen auf Gemeindebasis und somit vor direkter kirchlicher Kontrolle weitgehend geschützt. Zusätzlich waren cofradías, deren Mitglieder Männer, Frauen, Sklaven und Freie sein konnten, aus Sicht der einheimischen und afrikanischen Bevölkerung im wirtschaftlichen, sozialen, ja teilweise sogar im politischen Bereich außerordentlich wichtig. Im 17. Jahrhundert stellten Angehörige derselben Familie oft die Inhaber der höchsten Ämter in der indianischen kolonialen Gemeinde und der cofradía.

Schenkungen aus Testamenten bildeten oft den Grundstock eines cofradía-Vermögens, das im Sinne der selbstgesetzten Aufgaben verwandt wurde[:] [...] Unterhalt des Hospitals, [...]Beerdigungen, [...]Versorgung von Witwen und Waisen [...], Freikauf versklavter Brüder und Schwestern. Darüber hinaus konnten Mitglieder einer cofradía Kredite erhalten. [...] Cofradías spielten daher auch innerhalb der lokalen und regionalen Wirtschaft eine wichtige Rolle. Dies galt bis zur Mitte 19. Jahrhunderts, als die Kirche im öffentlichen Leben stark zurückgedrängt wurde. Heute beschränken sich cofradías auf den rein religiösen Bereich.“


Aus: Bechtloff, Dagmar: Cofradía. In: Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit. 2005 (Bd. 2), S.785-767