Compadrazgo

Taufe

Compadrazgo
Bildquelle: Foto Peggy Goede

„Unter Patenschaft wurde in der Neuzeit die Tauf- bzw. in der katholischen Kirche auch die Firm-Patenschaft verstanden. Der Begriff Pate ist vom lat. pater abgeleitet, ´Weil er das kind aus der taufe hebende zu demselben in geistige verwandtschaft tritt, der geistliche vater desselben wird´. [...] Durch die Taufpatenschaft wird eine besondere Form der spirituellen Verwandtschaft begründet, die von Anthropologen häufig in die Kategorie der sogenannten Pseudo- oder rituellen Verwandtschaft (z.B. Blutsbrüderschaft) eingeordnet wird.

Die christliche Tauf-Patenschaft hatte zunächst die Form einer Zeugen- oder Bürgschaft für die Ernsthaftigkeit des Konversionsanliegens bei der Erwachsenentaufe. Mit der Ausbreitung der Kindstaufe seit dem 3. Jahrhundert wurde diese Praxis auf die Neugeborenen übertragen und zunächst von deren Eltern wahrgenommen. Aufgrund der Vorstellung, dass Kinder mit der Taufe auch einen Neugeburt im Geiste vollziehen, wurde diese Praxis durch eine Patenschaft ´geistlicher Eltern´ ersetzt.

[...] Wie sehr die christlichen Kirchen die Notwendigkeit der geistlichen Eignung für das Patenamt betonten, so sehr spielten bei ihrer Auswahl durch die Familien auch weltliche Gesichtspunkte eine Rolle. Über Patenschaften wurden Allianzen zwischen Familien begründet oder bekräftigt. Die Zahl der Taufpaten wurde daher vielfach ausgedehnt. Besonders begehrt waren sozial höher stehende Paten wegen entsprechender Klientel-Verbindungen, denn Paten mussten sich für die Patenkinder und besonders deren Ausbildung verantwortlich fühlen. Die katholische Kirche begrenzte im Trienter Konzil ihre Zahl jedoch auf zwei, einen männlichen und einen weiblichen Paten; ausgenommen blieb lediglich der europäische Adel.“ (Gestrich 2009: 906ff)

In Lateinamerika bestanden bereits vor der Konquista Formen der Patenelternschaft. In der Kolonialgesellschaft wurde dann das in christlicher Tradition stehende compadrazgo etabliert: Erwachsene sorgen für die religiöse Erziehung von Waisen und ggf. auch für ihre materielle Versorgung. Gerade bei der Zersplitterung der indigenen Familien durch Epidemien, Minenarbeit oder temporäre Emigration der Eltern für die repartimiento-Arbeit kam diese christliche Form der Fürsorge den indigenen Kindern und Jugendlichen zugute. Teilweise wurden ganze Familien in Not durch die compadres unterstützt. Es konnten mehrere Paare und auch sozial besser gestellte Personen als compadres ausgewählt werden. Das compadrazgo bildete so eine Form der sozialen Absicherung.

Noch heute ist diese Form der sozialen Vernetzung in Lateinamerika von großer Bedeutung, die auch im weltlichen Kontext installiert werden kann. Sie dient vor allem der politischen und ökonomischen Absicherung von Familien: Pateneltern übernehmen z.T. die Kosten für die Ausbildung eines Patenkindes. Personen mit politischer und/oder wirtschaftlicher Macht haben oftmals mehrere Patenkinder in den Gemeinden, was einerseits ihren hohen Status demonstriert und andererseits ihnen politische Unterstützung und/oder Arbeitsdienst mehrerer Familien zusichert.


Aus: Gestrich, Andreas: Patenschaft. In: Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit. 2009 (Bd. 9), S. 906ff;

Marshall, Gordon: Patron-Client Relationship. In: A Dictionary of Sociology. 1998. http://www.encyclopedia.com. 01.06.2010