Demografische Katastrophe

Der Leichnam des Huayna Capac Inka, der zur Bestattung von Quito nach Cuzco transportiert wird.

Krankheiten
Bildquelle: Königliche Bibliothek Kopenhagen www.kb.dk/permalink/2006/poma/379/en/text/?open=id2975196

„Das Ausmaß, die Geschwindigkeit und die Dauer des Rückgangs der indigenen Bevölkerung in der für die Europäer Neuen Welt nach 1492 stellten die katastrophalen Epidemien, die das mittelalterliche und neuzeitliche Europa trafen, weit in den Schatten. Historiker haben daher schon frühzeitig von einer Demographischen Katastrophe - manche sogar von einem Genozid – gesprochen. Das Sterben zählt zu den dunkelsten Aspekten der Geschichte der Entdeckung und Eroberung Amerikas durch die Europäer.

Die Demographische Katastrophe ist eine Grundbedingung für die Entwicklung der Kolonialgesellschaften in Amerika. Sie beeinflusste den transatlantischen Kulturkontakt, die Geschichte der europäischen Expansion sowie allgemein die neuzeitliche Wahrnehmung.

Die Schätzung zur Gesamtzahl der indianischen Bevölkerung, die zum Zeitpunkt der `Entdeckung´ in der Neuen Welt lebte, divergieren erheblich und sind in der historischen Forschung seit langem umstritten. Für das spätere Hispanoamerika erscheint ein Richtwert von rund 35-40 Mio. plausibel. Für Nordamerika schwanken die Zahlen zwischen 7 und 10 Mio. Ureinwohnern und für Brasilien zwischen 500.000 und 2,5 Mio. Allein in Hispanoamerika ging die indigene Bevölkerung im Lauf der folgenden gut 150 Jahre insgesamt um circa 90% zurück.

Bereits im 16. Jahrhundert war die Dimension der Demographischen Katastrophe erschreckend. In Mexiko und Zentralamerika betrug der Bevölkerungsrückgang zwischen 1519 und 1568 wahrscheinlich mehr als 90%, in den meisten anderen Regionen zwischen 80 und 90%. Auf den Karibikinseln wie v.a. der Insel Hispaniola kann man regelrecht vom Aussterben der Urbevölkerung sprechen.

[...] die Demographische Katastrophe [war] um 1570 noch nicht abgeschlossen [...], sondern [dauerte] bis ca. zur Mitte des 17. Jahrhunderts an. So reduzierte sich die Zahl der Ureinwohner bis 1650 auf rund 4 Mio. Im Einzelnen ist [..] nach Binnenregionen zu differenzieren: Insbesondere die dicht besiedelten Kernregionen Neu-Spanien (das heutige Mexiko mit Zentralamerika) sowie Peru wiesen überdurchschnittlich starke Rückgänge auf. In den dünn besiedelten Grenzgebieten (z.B. im heutigen Chile, Argentinien, Paraguay) war demgegenüber ein weniger starker Rückgang zu verzeichnen.

Die Gründe für die Demographische Katastrophe waren vielfältig. An erster Stelle standen die Krankheiten, die im Rahmen des Columbian Exchange aus Europa und Afrika nach Amerika eingeschleppt wurden. Nicht nur die auch in Europa tödliche Pocken, Pest und Typhus, sondern auch dort eher harmlose Krankheiten wie Grippe oder Masern breiteten sich z.T. pandemisch aus, forderten zahllose Todesopfer und führten langfristig zu sinkenden Geburtsraten unter den Indianern [...]. Teils im Gefolge der Eroberer, teils diesen schon vorauseilend, wurden die Epidemien zu einem wesentlichen Faktor bei der Eroberung der indianischen Reiche.

Neben den Seuchen trugen die Eroberungskriege an sich zum Bevölkerungsrückgang bei. Die unterschiedlichen Formen von Versklavung und Zwangsarbeit, die Spanier und Portugiesen im Anschluss an die Eroberung durchsetzten, forderten weitere Todesopfer. Damit einher gingen die Ernährungsprobleme, die auch auf die ´die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts´ durch neue Erzeugnisse und Anbaumethoden zurückzuführen waren. Seuchen, Hunger, Ausbeutung und allgemeine Aussichtslosigkeit führten ferner zu einer Demoralisierung der autochthonen Bevölkerung, die sich in sinkenden Fertilitätsraten niederschlug.“ (Rinke 2005: 895 -899)

Als Konsequenz des damit verbundenen Rückgangs an Arbeitskräften begannen die spanischen Eroberer vermehrt afrikanische Sklaven nach Amerika einzuführen.

Den massiven Bevölkerungsrückgang nahmen die Europäer zum Anlass, ihre kulturelle Überlegenheit gegenüber den Indigenen zu untermauern. Die demografische Katastrophe wurde teilweise von ihnen als Gottesurteil interpretiert und förderte ihre paternalistische Haltung gegenüber der indigenen Bevölkerung weiter.

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts verlangsamte sich in Hispanoamerika der Bevölkerungsrückgang. Schließlich stiegen die Bevölkerungszahlen nach einer Phase der Stagnation wieder an. Entscheidend war dabei die Entwicklung von Resistenzen gegenüber aus Europa eingeschleppten Krankheitserregern.

 

Aus: Rinke, Stefan: Demografische Katastrophe. In: Jaeger (Hrsg.) Enzyklopädie der Neuzeit. 2005 (Bd. 2), S. 895-899