Kaziken

Tupac Amaru I. und Sayri Tupac

Tupac Amaru I. und Sayri Tupac
Bildquelle: Museo Pedro de Osma, Lima

Der Begriff Kazike leitet sich von der Taíno-Bezeichnung für Hauptlinge – kassequa – ab. Er wurde von den Spaniern für verschiedene indigene Autoritäten und HerrscherInnen mit unterschiedlichster Machtfülle verwendet.

Die lokale Bevölkerung verwendete zunächst noch andere Begriffe wie kuraka (im Andenraum) oder tlatoani (in Zentralmexiko) für lokale indigene Führer. Im Laufe der Zeit ging der Begriff Kazike jedoch in den allgemeinen Sprachgebrauch über.

Insbesondere über die Kaziken versuchten die Spanier, Kontrolle über die lokale indigene Bevölkerung zu gewinnen und somit die eigene Herrschaft zu stabilisieren und zu sichern. Insbesondere in den bereits präkolumbisch geschichteten Gesellschaften wie dem Azteken- und Inkareich gelang dies, während in weniger stratifizierten Gesellschaften die von den Kolonisten eingesetzten Kaziken wenig Anerkennung fanden und Einfluss hatten.

Die Kaziken waren zumeist „höchstrangige Vertreter des indigenen Adels, Vorstände bedeutender Familienverbände und Nachfahren vorspanischer Territorialherrscher“ (Schüren 2007: 530). Sie wurden von der Kolonialverwaltung offiziell anerkannt, vorausgesetzt sie waren zum Christentum konvertiert, und wurden mit bestimmten Rechten und Pflichten sowie Privilegien ausgestattet.

„Kaziken bekleideten zumeist höchste Ämter in indianischen Verwaltungseinheiten. Diese bzw. die damit verbundenen Territorien wurden als cacicazgos bezeichnet; die Kaziken waren dort dazu verpflichtet, Steuern und Abgaben einzutreiben, Arbeitsdienste zu organisieren, flüchtige Indianer aufzuspüren. Zudem sprachen sie Recht, teilten das Gemeinschaftsland zu und waren befugt, einzelne Amtsträger in den indianischen Stadt- und Gemeinderäten zu bestimmen. Mitunter stellten sie auch die Anführer der indigenen Milizen und organisierten Bauprojekte“ (Schüren 2007: 531).

Die nichtadlige Dorfbevölkerung musste für den Unterhalt der Kaziken und für die Bearbeitung ihres Landes sorgen und stellte ihnen Bedienstete zur Verfügung. Aufgrund ihrer Privilegien - wie das Tragen von Waffen und spanischer Kleidung, die Straffreiheit bei geringeren Delikten, die Befreiung von Tributzahlungen, der Landbesitz und auch der Zugang zu Bildung – fühlten sich Kaziken oftmals den Spaniern näher als den nichtadligen Indigenen.

Die Vererbbarkeit und nicht zuletzt die Privilegien der Kaziken machte diese soziale Position zu einem begehrten Posten. Waren es zur Zeit der Konquista noch wenige Kaziken, wiesen im Laufe der Kolonialzeit immer mehr Indigene ihre Zugehörigkeit zum indigenen Adel nach – so auch Angehörige niederen Adels, Mestizen und fernere Verwandte Adliger. Diese Dynamik führte letztlich dazu, dass die Zugehörigkeit zu einem indigenem Adelsgeschlecht nicht mehr nachvollziehbar war und die Masse der Kaziken an Macht verloren.

„Kaziken waren wichtige politische, aber auch kulturelle Mittler, die eine Schlüsselfunktion innerhalb des kolonialen Systems innehatten und dazu beitrugen, es zu stabilisieren. Sie waren jedoch keine reinen Marionetten dieses Systems, sondern vielmehr verfolgten sie durchaus auch Eigeninteressen. Vielen gelang es dank der Beziehungen zur Kolonialmacht und der damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteile, beträchtlichen Reichtum als Großgrundbesitzer, Agrarunternehmer und Geldverleiher zu erlangen“ (Schüren 2007: 532).

Oftmals handelten auch Kaziken im Sinne der indigenen Bevölkerung, unter anderen waren sie es, die die indigene Bevölkerung für Aufstände gegen Ausbeutung mobilisierten.

 

Aus: Schüren, Ute: Kazike. In: Jaeger (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit. 2007 (Bd.6), S. 530-532