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Generation vs. Generation und Ideologie vs. Ideologie in der spannungsgeladenen Anfangsphase

Bereits wenige Tage nach der konstituierenden Sitzung sah sich das Lateinamerika-Institut mit einer schwerwiegenden Belastungsprobe konfrontiert, die 1970 und 1971 die Debatten und die weitere Zusammenarbeit bestimmte. Ein vom Kommando Takamaro Tamiya verbreitetes Flugblatt und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Institutsmitgliedern und den Statusgruppen riefen einen politisch hochgradig aufgeladenen Konflikt hervor. Dieser bewog vier Personen zum Austritt aus dem damit arbeits- und entscheidungsunfähigen Institutsrat und führte wenig später zum Weggang dreier desillusionierter Gründungsprofessoren. In Anbetracht dieser Geschehnisse entwickelte sich das Lateinamerika-Institut innerhalb und außerhalb der Universität zu einem permanenten Diskussionsgegenstand. Nicht allein im Institutsrat und im Akademischen Senat, sondern auch in der Presse und im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Westberliner Abgeordnetenhauses standen die Ereignisse und die damit verbundenen Wortgefechte wiederholt im Fokus. Die Standpunkte und Erwartungen der Studierenden, Professoren und Assistenten konnten unterschiedlicher kaum sein.

Kritik von Studierenden an einem Professor sowie an anderen Studierenden in einem Flugblatt vom Juni 1970:
„Wer zu solcher skrpellosen [sic!] Perfidie fähig und bereit ist, und dabei auf die tatkräftige Unterstützung seiner Mitgangster, der Professorenpigs, rechnen kann, verdient nicht anders behandelt zu werden. Oder glauben diese studentischen Maulhelden immer noch, daß es besser wäre, solch professorale Arschgeigen in Berlin zu halten, um sie hier mit ihren ideologischen Wasserpistolen zu erschießen?“14
Auszug aus einem Artikel des Tagesspiegels vom September 1971, der die Gründe für das Verhalten eines Professors darlegt:
„Wenn [ein zunächst aus dem Institutsrat und später aus dem Institut ausgetretener Professor] aber als Sozialdemokrat als ,Agent des Kapitalismus‘ und ,Arbeiterverräter‘ bezeichnet werde und mit denselben Studenten im Institutsrat sitzen müsse, die ihn anpöbelten und seine Lehrveranstaltungen verhinderten, dann sei diese Grundlage [für die Zusammenarbeit in einem kleinen Institut] nicht mehr gegeben.“15
Erinnerungen eines wissenschaftlichen Assistenten am Lateinamerika-Institut Anfang der 1970er-Jahre:
„Die Rückkehr der Exilierten – sie alle waren Berliner – verlief konfliktiv. Die Universitätsreform von 1969/70, der sich auch die Gründung des LAI verdankt, nahm ihnen einen Teil ihrer Privilegien. Vor allem aber: das Aufbegehren der Studenten gegen den ,Muff unter den Talaren‘, durchsetzt von revolutionärer Rhetorik, erinnerte die Rückkehrer an die Zeit zuvor, da sie fliehen mußten. […] Zur Verdeutlichung ein Genrebild. Ein Seminar [eines Professors] […] wurde von einigen Studenten umfunktioniert zu einem ,Tribunal‘. […] die Stimmung war aufgeheizt, vergiftet.“16
Auszug aus dem Material zur Rede der Berliner Angeordneten und Hochschulpolitikerin Ursula Besser im Rahmen der Begründung der Großen Anfrage der CDU-Fraktion vom Juni 1971, die auf die Situation im Lateinamerika-Institut einging:
„Ein Schlaglicht auf die Gesamtsituation am ZI 3 wirft der Fall [eines Tutors]. Der Institutsrat betraute ihn mit dem Tutorium ,Determinanten des sozio-ökonomischen Entwicklungsprozesses in Lateinamerika‘. [Zwei Professoren] erhoben aus sachlichen und formellen Gründen Einspruch. Sie bezeichnen das Thema als wissenschaftlich nicht vertretbar, [den Tutor] als nicht qualifiziert, weisen auf seine Mitgliedschaft in der Roten Zelle hin und bemängeln das Fehlen eines wissenschaftlich Verantwortlichen, wie er nach § 29 UniG unerlässlich ist.“17
Stellungnahme der Versammlung der wissenschaftlichen Mitarbeiter infolge einer Veröffentlichung über die Situation am Lateinamerika-Institut vom August 1971:
„Als Grund für ihren Austritt gaben die Hochschullehrer in allen Fällen den zunehmenden Einfluss linksextremer Kräfte am Institut an. Dieser pauschale Vorwurf ist nie konkret belegt worden und kann nicht belegt werden. Unter den Wissenschaftlichen Mitarbeitern, den Studenten und den Anderen [sic] Dienstkräften besteht eine Vielfalt politischer Meinungen.“18
Auszug aus einer im August 1971 verfassten Stellungnahme eines Professors über die Bedeutung des Sozialistischen Arbeitskollektivs Internationalismus (SAKI) am Lateinamerika-Institut:
„Die schrittweise Verwirklichung der langfristigen SAKI-Pläne wird auch mein Nachfolger nicht verhindern können. (Die Linken haben viel Zeit!).“19

  

14 Nachlass Hirsch-Weber, Sondersammlungen, IAI SPK, N-0086 b 15, Dok. 184, 185, Flugblatt vermutlich vom 24.6.1970.
15 Uwe Schlicht, „Taktisches Geplänkel zu Beginn. Erste öffentliche Sitzung des FU-Untersuchungsausschusses“, in: Der Tagesspiegel (Berlin, 11.9.1971).
16 Auszug aus einer Nachricht von Volker Lühr (28.10.2018).
17 FU Berlin, UA, ZI LAI, Institutsrat 1970-1974, Material zur Rede von Frau Dr. Ursula Besser, MdA (Begründung Große Anfrage der CDU-Fraktion v. 10.6.1971), S. 5.
18 FU Berlin, UA, ZI LAI, Institutsrat 1970-1974, Stellungnahme der Versammlung der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts, S. 1.
19 FU Berlin, UA, ZI LAI, Nachlass Otte, Kiste 1, Stellungnahme (29.8.1971), S. 3.

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