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Zwischen Solidarität und Salvador Allende-Institut

1973 rief der Militärputsch in Chile große Bestürzung und zugleich weitreichende Solidaritätsbekundungen mit den Verfolgten hervor, pflegten doch mehrere Institutsmitglieder besonders enge wissenschaftliche und persönliche Beziehungen zu diesem Land. Für den 25. September 1973 wurde eine außerordentliche Sitzung des Institutsrats angekündigt. In diesem Rahmen diskutierten die Anwesenden den Entwurf einer Stellungnahme.

Die Vertreterinnen und Vertreter des Lateinamerika-Instituts verurteilten 1973 den Sturz Salvador Allendes auf das Schärfste und verlangten Maßnahmen von der Regierung in Bonn:

„Der Institutsrat des Lateinamerika-Instituts der Freien Universität Berlin fordert die Bundesregierung auf:
  • die Junta der Putschisten nicht anzuerkennen

  • dem Beispiel anderer Länder zu folgen und dem Gewaltregime keinerlei wirtschaftliche und technische Hilfe zu gewähren

  • internationale Organisationen zur Wahrung der Menschenrechte zu unterstützen, damit diese in Chile gegen die politische Verfolgung und die Mißachtung des internationalen Asylrechts intervenieren

  • großzügig Asylrecht und materielle Unterstützung für die von der Militärjunta politisch verfolgten Chilenen und die von Auslieferung bedrohten Lateinamerikaner zu gewähren.“27

Nicht allein im Lateinamerika-Institut, sondern auch im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften riefen die Geschehnisse in Chile eine umgehende Reaktion hervor. Bereits in seiner Sitzung am 20. September 1973 beschloss der Fachbereichsrat einstimmig die Verurteilung des Terrors gegen die chilenische Bevölkerung. Die Resolution ging jedoch weit darüber hinaus, indem sie eine Umbenennung des Lateinamerika-Instituts anregte.

Auszug aus der Resolution des Fachbereichsrats des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften vom September 1973:
„Um die hervorragende Persönlichkeit Salvador Allende, der von gewissenlosen Rechtskräften in den Tod getrieben wurde, durch die Organe der Universität angemessen zu würdigen, schlagen wir vor, dem Lateinamerika-Institut den Namen Salvador-Allende-Institut zu geben.“28

Vier Wochen später stand dieser Vorschlag auf der Tagesordnung der Sitzung des Institutsrats des Lateinamerika-Instituts. Die Idee wurde „in ihrer politischen Absicht“ auch „positiv aufgenommen“, jedoch nicht umgesetzt. Den Institutsmitgliedern zufolge ließe sich die Verwirklichung der darin „ausgedrückten politischen Intention“ der wissenschaftlichen Arbeit nämlich „besser unter der Bezeichnung Lateinamerika-Institut anstreben“.29

Während die öffentlichkeitswirksame Positionierung mit der potenziellen Umbenennung des Instituts ihre Grenzen erreicht hatte, setzten sich dessen Mitglieder für in Chile verfolgte Wissenschaftler ein. Anfang 1974 waren die Verhandlungen mit der Universitätsverwaltung und dem Kanzler bereits fortgeschritten. Dieser hielt es für möglich, weitere aus Chile vertriebene Personen aufzunehmen, sofern es gelänge, sie in die am Lateinamerika-Institut angesiedelten Forschungsprojekte einzubinden. Insbesondere für die Soziologie, die Ökonomie und den Sprachunterricht sollten vor diesem Hintergrund auch neue Beschäftigte gewonnen werden.30

 

27 FU Berlin, UA, ZI LAI, Institutsrat 1970-1974, Entwurf der Stellungnahme des LAI zum Militärputsch in Chile.
28 FU Berlin, UA, ZI LAI, Institutsrat 1970-1974, Resolution des Fachbereichsrates des Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften (20.9.1973), S. 2.
29 FU Berlin, UA, ZI LAI, Institutsrat 1970-1974, Vorlage an den Institutsrat zur Beschlußfassung (19.10.1973).
30 FU Berlin, UA, ZI LAI, Institutsrat 1970-1974, Antrag an den Institutsrat (7.1.1974).

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