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Pariser Mai - revolutionäre Inspiration aus dem Herzen Europas?

Carlos Fuentes

„En Paris, en las barricadas, en las manifestaciones, en el diálogo maravilloso que ha sido el triunfo mayor de la revolución, nos hemos encontrado y nos hemos reconocido: chilenos y españoles, argentinos y mexicanos, brasileños y peruanos, portugueses y centroamericanos... Hemos discutido el destino probable, los imposibles sueños y las pesadas condenas de nuestros países: en el espejo de los sucesos franceses, era posible discernir la imagen mutilada de la comunidad de habla española y portuguesa, sus carencias y aspiraciones.”

„In Paris, auf den Barrikaden, bei den Demonstrationen und bei dem wundervollen Dialog, der der größte Sieg der Revolution gewesen ist, haben wir uns getroffen und wiedererkannt: Chilenen und Spanier, Argentinier und Mexikaner, Brasilianer und Peruaner, Portugiesen und Zentralamerikaner.... Wir haben über das wahrscheinliche Schicksal, die unmöglichen Träume und die schweren Lasten unserer Länder diskutiert: im Spiegel der französischen Ereignisse war es möglich, das verstümmelte Bild der spanisch- und portugiesischsprachigen Gemeinschaft zu erkennen, ihre Mängel und ihr Streben.”

„Porque algo más que la mentira de la felicidad en la abundancia murió en las barricadas de Paris. Murió también la imagen de la „affluent society” que nos ofrecen, ya no los anacrónicos regímenes castrenses feudales de América Latina, sino las avanzadas „liberales” de la Alianza para el Progreso y los gobiernos burgueses de México, Perú, Chile, Venezuela y Uruguay.”

„Auf den Barrikaden von Paris ist etwas mehr als die Lüge vom Glück des Überflusses gestorben. Es starb auch das Bild der „affluent society”, das uns heute nicht mehr die anachronistischen Militär- und Feudalregime von Lateinamerika vorhalten, sondern die entwickelten „liberalen” Länder der Allianz für den Fortschritt und die bürgerlichen Regierungen von Mexiko, Peru, Chile, Venezuela und Uruguay.”

„En Paris hemos visto desnudo el emperador.”

„En París hemos visto en calzoncillos a los periodistas mentirosos del Brasil, a los militares argentinos, a los industriales chilenos a sueldo de los monopolios del cobre, a los imbéciles que pergeñan los programas de televisión en Perú, a la policía represiva de Guatemala, a los líderes sindicales corruptos de México (...).”

„In Paris haben wir den Kaiser nackt gesehen.”

„In Paris haben wir die lügnerischen Journalisten aus Brasilien in Unterhosen gesehen, die argentinischen Militärs, die chilenischen Industriellen im Dienst der Kupfermonopole, die Idioten, die sich die Fernsehprogramme in Peru ausdenken, die repressive Polizei in Guatemala, die korrupten Gewerkschaftsführer in Mexiko (...).”

„La revolución, que sólo ayer parecía privilegio del tercer mundo, ha hecho aparición en el mundo industrial neocapitalista y neosocialista. (...) tengo la impresión de que estos jóvenes, en oriente y en occidente, encarnan un renacimiento poderoso y profundo de la idea de soberanía.”

„Die Revolution, die gestern noch ein Privileg der Dritten Welt zu sein schien, ist heute in der industriellen Welt des Neokapitalismus und des Neosozialismus aufgetaucht. (...) Ich habe den Eindruck, dass die jungen Menschen im Osten und im Westen die mächtige und tief greifende Wiedergeburt einer Idee von Souveränität verkörpern.”

„Nosotros, los latinoamericanos, ligados a Francia por tantos motivos del corazón y de la cabeza, debemos felicitarnos de que hayan sido los estudiantes, intelectuales y obreros franceses los primeros actores de esta gran transformación. A través de Francia podemos comprender y ser comprendidos. Esa revolución también es la nuestra. Es sólo el comienzo. La lucha continúa.”

„Wir, die Lateinamerikaner, die wir uns Frankreich aus so vielen Gründen des Herzens und des Kopfes verbunden fühlen, sollten uns dazu beglückwünschen, dass die Studierenden, die Intellektuellen und die französischen Arbeiter die wichtigsten Akteure dieser großen Transformation gewesen sind. Über Frankreich können wir verstehen – und selbst verstanden werden. Diese Revolution ist auch die unsere. Es ist nur der Beginn. Der Kampf geht weiter.”

[Auszüge aus einer Reportage von Carlos Fuentes über den Studentenaufruhr von Paris, verfasst im Mai und Juni 1968, veröffentlicht in der Beilage „La Cultura de México” der Wochenzeitschrift Siempre]

 

Hugo Vezzetti, argentinischer Kulturwissenschaftler und Psychoanalytiker, im Januar 2008:

„Es gab kein globales 1968 (...). Ein konsolidierter kapitalistischer Staat, der von einer dem Reformismus ergebenen Arbeiterklasse getragen wurde und Teil des imperialistischen Herrschaftsbereiches war, konnte nicht von einer Bewegung gestürzt werden, die von einem universitären Kleinbürgertum angeführt wurde.

Diese politische Deutung verhinderte allerdings nicht, dass von den linken Intellektuellen, die größtenteils von französischen Denkern (von Jean-Paul Sartre bis Louis Althusser) geprägt waren, immer wieder das Bild der Barrikaden der Pariser Bewegung beschworen wurde. Doch der Eindruck von Homogenität all jener Rebellionen, die ihren Ausdruck in dem Bild des Che Guevara als Ikone für jede Art von Inkonformität fand, wurde letztlich erst im Nachhinein konstruiert.

Und was geschah im Mai 1968? In der besagten Publikation (Cristianismo y revolución, Anmerkung d. Ü.) wurden die Ereignisse in Paris mit keinem Wort erwähnt. Das Französische war in dem Werk von Régis Debray verkörpert, der allerorten zitiert und interviewt wurde, und zwar vor und nach seinem unglückseligen Bolivien-Abenteuer: ein Intellektueller, der verkündete, dass das Gewehr künftig das Schreiben zu ersetzen – und auch zu leiten – hätte. (...)

Außer von Vietnam und den Kämpfen der Dritten Welt berichtete man nur noch regelmäßig über die Black Power-Bewegung, die als Präsenz unterdrückter Völker in den USA galten. (...)

Angesichts der retrospektiven Visionen, die aus einem „wishful thinking” heraus – etwa bei Carlos Fuentes – den Pariser Mai mit dem Prager Frühling und den lateinamerikanischen Rebellionen in Einklang bringen wollen, sollte man zunächst die raue und widersprüchliche Textur einer historischen Epoche rekonstruieren. (...)”

 

José Revueltas

„Vosotros habéis inscrito en vuestra propaganda que „se prohibe prohibir”. Digamos: „se prohibe prohibir la Revolución”. Impediremos que nuestras revoluciones – por el camino en que deban realizarse- sean prohibidas, bien por la represión del enemigo o por las mediatizaciones o componendas de las viejas direcciones burocráticas del estalinismo. La Revolución puede ser retrasada, puede sufrir derrotas y puede registrar todo tipo de oscilaciones. Pero jamás dejará de triunfar si los revolucionarios, seguidos por los pueblos, actúan a tiempo antes del desastre inimaginable de una guerra nuclear. No nos desmayemos. Nuestras voces serán escuchadas. La victoria será nuestra.”

„Ihr habt in Eurer Propaganda geschrieben „Verbieten verboten”. Sagen wir doch gleich: „Es ist verboten, die Revolution zu verbieten”. Verhindern wir, dass die Revolutionen – wie auch immer sie stattfinden werden – verboten werden, entweder durch die Repression des Feindes oder den Kuhhandel und die Verhandlungen der alten bürokratischen Führungen des Stalinismus. Die Revolution kann aufgehalten werden, sie kann Niederlagen erleiden und alle Arten von Schwankungen durchleben. Aber sie wird niemals aufhören zu siegen, wenn die Revolutionäre, gefolgt von den Völkern, angesichts der unvorstellbaren Zerstörung eines Atomkriegs beizeiten handeln. Lasst uns nicht verzagen. Unsere Stimmen werden gehört. Der Sieg wird unser sein.”

[Fragment aus einem „Offenen Brief an die französischen Revolutionäre”, im

Mai 1968 verfasst und bei einem Universitätstreffen in Mexiko-Stadt verlesen]

 

Roberto Escudero, Mai 1978

„Está perfectamente claro que ninguno de los participantes pensaba, ni remotamente, que en nuestro país estaba próximo un movimiento de la envergadura del 1968 mexicano. Concretamente: pensábamos en la posibilidad de un acto masivo de solidaridad con los estudiantes franceses (...).”

„Es ist völlig klar, dass keiner von den Teilnehmern im Entferntesten daran gedacht hat, dass unser eigenes Land kurz vor einer Bewegung von der Reichweite der mexikanischen 1968er steht. Genau genommen haben wir an die Möglichkeit gedacht, eine größere Solidaritätsaktion für die französischen Studenten zu organisieren (...).”

Auswahl / Übersetzung: Anne Huffschmid