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Eroberung und Kolonisierung

Die spanischen Soldaten, die Peru eroberten, waren nur gering an der Zahl. Dennoch konnten sie sich der als gottähnlich verehrten Herrscher schnell entledigen. Diese waren dem geschlossenen Ansturm der Spanier nicht gewachsen, da sie selbst auf die Loyalitäten ihrer Bündnispartner angewiesen und zugleich in interne Konflikte verwickelt waren. Glaubensvorstellungen, in denen Bilder von den Eroberern einen Platz hatten, haben den schnellen Zusammenbruch zusätzlich noch unterstützt. Allerdings konnten sie die spanische Herrschaft keineswegs absichern. Der spanische König blieb in den fernen Metropolen, in Madrid, Toledo, Valladolid und Sevilla. Seine Verwaltung hatte kaum Kenntnisse über die neu hinzugekommenen Territorien, die ihr unterstellt worden waren. Das Sammeln von Informationen blieb eine der wichtigsten Aufgaben, um die neuen Vizekönigreiche zu organisieren und die Zahl ihrer Bewohner und die natürlichen Ressourcen kennen zu lernen. Nicht nur statistische Informationen waren interessant. Die spanischen Behörden fragten auch nach den gesellschaftlichen und politischen Aspekten des Lebens. Um die Autorität der spanischen Könige zu legitimieren, mussten die einheimischen Herrschaftsregeln bekannt sein. Während sich in Mexiko die Kosmographen und anderen spanischen Informanten auf Bilderhandschriften stützen konnten, gab es in Peru keine vorspanischen schriftlichen Quellen. Die Funktion der Schrift war hier von anderen Kommunikationsformen übernommen worden. Mit Hilfe von visuellen Gedächtnisstützen in Form von Textilien, rituellen Trinkgefäßen, Malereien und Knotenschnüren (khipus) sind Erinnerungen und Wissen mündlich tradiert worden.

Auf der Grundlage dieser Informationen, die von Verwandten und Nachkommen der Inka-Herrscher erfragt worden sind, entstand die „Historia Indica“ von Sarmiento de Gamboa (1572). Dieses Geschichtswerk gilt als die historische und politische Rechtfertigung für die umfassende, indianische Strukturen zerstörende Reformpolitik während der Herrschaft des Vizekönig Toledo. Dieser Vizekönig (1516-1582) war es auch, der den letzten bewaffneten Widerstand von Nachkommen der Inka-Herrscher in Vilcabamba gebrochen hatte. Den Anführer Tupac Amaru I. ließ er 1572 öffentlich hinrichten.

Trotz des gewaltsamen Bruchs mit den höchsten Repräsentanten indianischer Macht blieb ein Bezug auf die Bilder der vorspanischen Vergangenheit und auf deren kolonialzeitlichen Repräsentanten unverzichtbar für die Herrschaft der Spanier. An die vorspanische Geschichte wurde nicht nur in Form von Malereien und Objekten erinnert, sondern auch in Ritualen. In prunkvollen Maskenumzügen, mit religiösen Prozessionen und repräsentativen Einzügen der neu eingeführten Vizekönige in Lima wurde die Erinnerung an die glorreiche Dynastie der Inka heraufbeschworen. Wie ist dieser Widerspruch zwischen gewaltsamer Eroberung, dem Auslöschen von Vergangenheit und dem Erinnern als Grundlage für neue Identitäten der Spanier in Amerika und der indianischen Bevölkerung in den spanischen Vizekönigreichen zu erklären?

Antworten auf diese Fragen lassen sich finden, wenn wir uns der ganzen Komplexität des „kolonialen Projektes“ zuwenden, das sich für eine neue gesellschaftliche, kulturelle, religiöse und politische Ordnung engagierte. Die oberste Herrschaft der Inka war zwar gestürzt. Eine vermittelnde Rolle zwischen den Neuankömmlingen und der einheimischen Bevölkerung spielten aber die kleineren, lokalen indianischen Oberhäupter. Sie blieben für den Erfolg dieses „Projektes“ unverzichtbar. Viele der caciques besuchten Jesuitenschulen. In neuen Formen bildlicher Darstellungen, die sie von sich anfertigen ließen und in historischen Rekonstruktionen ihrer Herkunft übernahmen auch die caciques die Legitimierungsstrategien der spanischen Könige.

Die christliche Missionierung war dabei Rechtfertigung und Stütze der Kolonisierung. Doch die Taufe von Einheimischen ist selbst von den spanischen Kolonisten und Priestern weniger als Bekenntnis zum christlichen Glauben angesehen worden, sondern vielmehr als eine Form der Integration in die sich neu herausbildende koloniale Gesellschaft. Dagegen lag dem hohen Klerus sehr viel stärker an einem tatsächlichen Wandel von Glaubensvorstellungen. Predigten und Katechismusbücher wurden daher in die einheimischen Sprachen übersetzt; Priester wurden dazu verpflichtet, die indianischen Sprachen zu lernen und in ihnen zu predigen. Die Kolonisten, denen die spanische Krone als Privileg einen Anteil am Tribut der Einheimischen abtrat, hatten als Gegenleistung für deren christliche Unterweisung zu sorgen. Es eröffnete sich so eine weitere Ebene in der Vielschichtigkeit des kulturellen Austausches. „Glaubensfragen“ waren und sind immer verquickt mit politischen, ästhetischen und kognitiven Gesichtspunkten. Daneben war von Beginn der Kolonisierung an die Repression und Verfolgung der „heidnischen Kulte“ ein Zeichen der Präsenz des Staates, dem vom Papst die Missionierung übertragen worden war. Einheimische Tempel und Götterbildnisse sollten zerstört werden, um der christlichen Verkündigung Raum zu schaffen. In diesem Spannungsverhältnis bildete sich nach und nach jedoch ein „populärer Katholizismus“ heraus, der sich ständig veränderte. Daher sind bis heute besondere andine Katholizismen präsent. Auch die afrikanischen Sklaven hinterließen in diesen Formen ihre Spuren. Sie prägten kulturelle und religiöse Praktiken auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Die Rezeption des Christentums in Amerika erfolgte weder überall gleich noch vorhersehbar. Es lassen sich verschiedene Fusionen, Assimilationen, Eingliederungen, Widerstände und Kombinationen von Genres nachvollziehen. Zu sehen sind ein über lange Zeit entstandenes System von Analogien und Symbolen, zu dem alle Bevölkerungsgruppen beitrugen und das sich noch immer in konstanter Bewegung befindet. Diese Bewegung mit einem Begriff zu fassen, ist eine Aufgabe, die kaum zu lösen ist. Aber es kann darüber nachgedacht werden, auf welche Weise und mit welchen Fragen wir uns den Zeugnissen dieser Zeit nähern.

 

KN