lai_symb01

Zeugnis der Christianisierung

VA 67043 © Ethnologisches Museum Berlin

Zeugnis der Entstehung eines neuen Glaubens

Die Darstellung des kleinen Johannes zusammen mit dem Jesuskind soll an die Taufe Jesu durch Johannes erinnern. Das Thema der Taufe und die Darstellung der in der andinen Mythologie bedeutsamen Berge auf diesem Gemälde lässt die Verschmelzung eines alten und eines neuen Glaubens erkennen:

Der Mythos des Ortes Latacunga besagt, dass der alte Berggott Apu, der durch den Vulkanausbruch die ganze Ortschaft zerstört hatte, einen großen Stein an den Fluss rollen ließ. Auf diesem Stein soll sich auf wundersame Weise das Abbild Mariens gezeigt haben, d.h. aus dem Stein wurde Maria - eine Verwandlungsart, die in der andinen Mythologie des öfteren stattfindet: Aus einem Stein wurde ein vergöttlichter Mensch, oder umgekehrt.

Das Gemälde verquickt somit in interessanter Weise den Übergang von einem alten Mythos mit Zerstörungskraft zu einem neuen christlichen Glauben, der mit der Taufe beginnt. Auch Jesus, der sich von Johannes dem Täufer hatte taufen lassen, und Johannes selbst werden in die fromme Verehrung integriert.

Einen ähnlichen Verschmelzungsprozess eines neuen christlichen Glaubens mit lokaler andiner Kosmovision zeigt die Darstellung der Jungfrau Maria anstelle der andinen Berggottheit (Tio) und der andinen Mutter Erde (Pachamama) auf dem Gemälde der Maria als Schutzherrin des Silberberges von Potosí in Bolivien. In ganz Lateinamerika ist der Marienkult mit lokalen Adaptationen der christlichen Gottesmutter weit verbreitet.

 

ML