lai_symb01

Sanmarkos

Sanmarkos. Holz und Alabaster. Anfg. 20. Jh. 21x18x5 cm. Sammlung John H. Davis. © Jürgen Golte

 

Der Sanmarkos (auch cajón sanmarcos) ist eine regionale Sonderform der capillas de santero. Er entwickelte sich im Raum Ayacucho vermutlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Der Sanmarkos besteht zumeist aus einem rechteckigen Kasten aus Holz oder Agave (maguey). Innen- und Außenseiten sind, mit Ausnahme der Rückseite, mit Temperafarben bemalt, oft auf weißem Grund; wobei vornehmlich Blumenmotive oder geometrische Ornamente zu finden sind. 

 

Sanmarkos. Maguey und Paste. 20. Jh. 27,6x23,6x8,5 cm. Sammlung Vivian und Jaime Liébana. © Jürgen Golte

 

Das Innere des Kastens ist durch ein horizontales Brettchen in zwei Sektionen unterteilt. Im oberen größeren Raum finden sich generell 3 bis 5 Interpretationen von San Marcos, San Lucas, San Juan und San Antonio. Der obere Raum nimmt etwa 2/3 des Kasteninneren ein; er symbolisiert in synkretistischer Form den Himmel der katholischen Religion sowie die obere Welt (hanaq pacha) der vorspanischen Kosmologie. Im unteren Bereich, der für das Diesseits bzw. die Mittelwelt (kay pacha) steht, finden sich Szenen aus dem bäuerlichen Leben, meist Darstellungen von Markierungsritualen, dem Weidegang oder die Bestrafung der Viehhüter durch den Patron. Daneben gibt es eine ganze Reihe von kleineren anthropo-, zoo- und ornithomorphen Darstellungen.

 

Sanmarkos mit Virgen del Carmen. Holz und Alabaster. 19.-20. Jh. 28,5x26,5,9 cm. Sammlung Vivian und Jaime Liébana. © Jürgen Golte

 

Die Zahl der figürlichen Darstellungen beträgt im Schnitt 35 bis 40, so dass dem Kasten eine barocktypische Überladung eigen ist. Die Heiligen sind in der Regel deutlich größer als die übrigen Figuren.

Die aus einer Gips- und Kartoffelpaste gefertigten Statuetten sind polychrom mit Farben auf Anilinbasis bemalt und mit Glanzlack überzogen. Im Gebiet um die Stadt Ayacucho wurde zur Fertigung der Figuren häufig die piedra de Huamanga verwendet, ein Alabastergestein, das in jener Region in hoher Wertigkeit vorkommt und auch für andere Kunsterzeugnisse benutzt wird.

 

Sanmarkos. Holz und Paste. 20. Jh. 38,5x49,9x28,8 cm. Sammlung Vivian und Jaime Liébana. © Jürgen Golte

 

Die Entwicklung des Sanmarkos ist eng verbunden mit dem Aufschwung der Viehwirtschaft in der ländlichen Region Ayacuchos, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Die sich im Sanmarkos befindenden katholischen Heiligen sind Schutzpatrone von ausschließlich europäischem Nutzvieh. Die Integration europäischer Flora und Fauna, in die Lebenswelt der autochthonen Bauern, erzwang auch eine Übernahme von Heiligen, die der Religion der Eroberer entstammten. Die autochthonen Gottheiten, die bereits mit bestimmten funktionalen Attributen ausgestattet waren, konnten keine Schutzfunktion für die neuen, fremden Tiere übernehmen. Die Verwendung des Sanmarkos in den festlichen Riten des landwirtschaftlichen Kalenders (vor allem die Viehmarkierung) jedoch, erfolgte nach autochthonen Mustern; dabei ersetze der Sanmarkos die althergebrachten huacas, sakrale Kultobjekte der vorspanischen Religion.

 

Sanmarkos. Maguey und Paste. Um 1930. 30x25x7,5 cm. Sammlung John A. Davis. © Jürgen Golte

 

Sanmarkos. Holz und Alabaster. 19.-20. Jh. 28,5x25,2x10 cm. Sammlung Vivian und Jaime Liébana. © Jürgen Golte

 

Mit dem zunehmenden Niedergang der Viehwirtschaft in der Region verlor auch der Sanmarkos an Bedeutung. Gegen 1940 war seine Herstellung nahezu zum Erliegen gekommen.

Erst durch Anregung von indigenistischen Malern und Kunstsammlern aus Lima erlebte die Altarproduktion in Ayacucho einen Aufschwung, wobei sich der Sanmarkos vom sakralen Kultobjekt zum säkularen Kunstgegenstand wandelte. Das Festhalten an der Altarform führte zur irreführenden Benennung dieser neuen Kunstobjekte als retablos (Altäre).

 

Christian Piarowski