Carlos Marighella - Der intellektuelle Mitbegründer der Stadtguerilla

 

Die Ermordung Che Guevaras im Oktober 1967 ist für den Brasilianer Marighella das Startsignal für seinen eigenen bewaffneten Kampf gegen Unterdrückung. „Er wird ihn [Che] ablösen, aber er wird ihn nicht imitieren“, (61) schätzte Conrad Detrez  damals die Bedeutung Marighellas ein.

 

Carlos Marighella wurde 1911 in Salvador da Bahia als eines von sieben Kindern eines italienischstämmigen Arbeiters und einer Nachfahrin schwarzer SklavInnen geboren. 1934 brach der 23-Jährige sein Ingenieurstudium an der Escola Politécnica da Bahia ab, „um die Revolution zu machen“ (62). Er widmete sich verstärkt seiner politischen Tätigkeit in der Partido Comunista Brasileira (PCB) und wurde schnell zu einem der wichtigsten Köpfe der Partei.

 

Während der Diktatur von Getúlio Vargas (1935-1945) wurde der revolutionäre Aktivist, der mittlerweile Landesvorsitzender der PCB in São Paulo war, mehrfach inhaftiert. Während einer längeren Haftphase organisierte er für 3.000 Mitgefangene Studienlehrgänge – das Konzept der „Volksuniversität“ war geboren. In den kurzen Zeiten in Freiheit organisierte er Streiks und andere Widerstandsaktionen. Durch eine Amnestie nach dem Ende der Vargas-Diktatur kam er frei und war bis zum Verbot der PCB 1948 in verschiedenen Parteigremien aktiv. Danach ging er erneut in den Untergrund, den er bis zu seinem Lebensende nicht mehr verlassen sollte. 1966 entschied er sich, aus der kommunistischen Partei auszutreten und statt nur theoretisch zu diskutieren, lieber bewaffnet gegen die Diktatur zu kämpfen. Nach der Ermordung Ches fuhr er deshalb durch Brasilien, um Menschen für den bewaffneten Kampf zu rekrutieren. Mit ihnen gründete er im September 1968 die Stadtguerrilla Ação Libertadora Nacional (ALN). Von da an häuften sich in den drei Industriezentren Rio de Janeiro, São Paulo und Belo Horizonte die Überfälle auf Banken, Kasernen und Militärgebäude.

 

1969 entführte die ALN den US-amerikanischen Botschafter in Brasilien, Charles Burke Elbrick. An dieser Aktion war auch eine zweite Guerillagruppe beteiligt, die Movimento Revolucionário 8 de Outubro (MR-8), benannt nach dem Tag der Gefangennahme Che Guevaras. Die MR-8 wurde von Carlos Lamarca geführt, einem linken Ex-General, der nach der Machtergreifung der rechten Militärjunta die Streitkräfte verlassen musste. Nachdem Botschafter Elbrick im Austausch gegen fünfzehn politische Gefangene verschiedener linker Bewegungen freigelassen worden war, fahndete die politische Polizei fieberhaft nach Marighella. Agenten des Departamento de Ordem Política e Social (DOPS), einer Sonderabteilung der Regierung für die Aufstandsbekämpfung, lockten ihn am 4. November 1969 in São Paulo in einen Hinterhalt und richteten ihn mit mehreren Gewehrsalven hin.

 

Neben seinen spektakulären Guerilla-Aktionen ist Marighella bis heute bekannt für sein Werk O Mini-Manual do Guerrilheiro Urbano von 1969, dem wichtigsten Handbuch für Stadtguerilleros. Darin versuchte Marighella, die Guerilla-Theorie Guevaras zu erweitern: „Auf dem Land wie in der Stadt muss Aktivität auf drei Gebieten geleistet werden“, heißt es in der deutschen Übersetzung,  „1. an der Guerillafront, 2. an der Massenfront und 3. im Unterstützungsnetz“ (63). Er sah es als unabdingbar an, dass die Revolution nicht allein von geschulten, organisierten Guerilla-Einheiten erkämpft, sondern nur mit Unterstützung von SympathisantInnen und letztendlich der breiten Bevölkerung erreicht werden kann. Darüber hinaus enthält Marighellas Handbuch auch konkrete Handlungsanweisungen für den urbanen Guerrillakampf in den Städten und dokumentiert zugleich seine Tätigkeit in seinen letzten beiden Lebensjahren.

 

Bald kursierte auch die deutsche Übersetzung (zu finden in „Zerschlagt die Wohlstandsinseln der Dritten Welt“, Reinbek 1971), die zu einem der wichtigsten Texte der militanten Linken in Deutschland wurde. Das „Handbuch“ war in vielen Ländern verboten und gab auch in der BRD der 70er Jahre immer wieder Anlass zu Hausdurchsuchungen und Festnahmen. In den 80er Jahren ließ die CIA eine englische Übersetzung unter ihren Agenten in den Ausbildungszentren Lateinamerikas, zum Beispiel in Panama, verteilen.

 

Katharina Seeger