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Tawantinsuyu - Der Inka-Staat

Soziale Grundlage des Inka-Staates war die Gegenseitigkeit (Reziprozität) in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Dieses Prinzip gestaltete nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen einer Dorfgemeinschaft und die des Staates insgesamt, sondern auch die rechtlichen und religiösen Verhältnisse. Die Zugehörigkeit zu einer Verwandtschaftseinheit (ayllu) verpflichtete ihre Mitglieder zu gegenseitigen Dienstleistungen. Dies eröffnete ihnen einerseits den Zugang zu natürlichen Ressourcen, andererseits erlaubte es ihnen, Anspruch auf Arbeitsleistungen der anderen Mitglieder des ayllu zu erheben. Im Prinzip der Gegenseitigkeit spiegelte sich nicht nur die soziale Verwandtschaft innerhalb des Dorfes. Es charakterisiert auch die Beziehungen zwischen dem Dorf und dem Inka und schließlich auch die zu den übernatürlichen Kräften.

Der Austausch zwischen dem cacique (Anführer) und seinen "sozialen Verwandten", die ihm Arbeitsleistungen jeglicher Art entgegen brachten, musste als mehr oder weniger äquivalent erscheinen, wollten die Ansprüche des Anführers legitim bleiben. Dies galt auch, wenn die Beziehungen einen „asymmetrischen“ Charakter annahmen, eine tatsächliche Gegenseitigkeit also nicht mehr gewahrt wurde. Es handelte sich bei den Arbeitsleistungen, die der cacique erwartete, um keinen automatisch versicherten „Rechtsanspruch“. Er musste diesen Anspruch vielmehr als Bitte formulieren. Dies wird auch als „kalkulierte soziale Transaktion“ bezeichnet. So wurden die landwirtschaftlichen Arbeiten in Form von Festen ausgeführt, die das Oberhaupt einer Gruppe – bis hin zum Inka selbst - seinen "Verwandten" ausrichtete, begleitet von Gesang, gemeinsamem Essen und Trinken. Das Verteilen von Geschenken zu diesen Anlässen, vor allem von Textilien und rituellen Trinkbechern (keru), bekräftigte Allianzen, bestätigte Eroberungen und Abhängigkeitsbeziehungen. Der Geschenkaustausch war eine ritualisierte Form der Verteilung von erwirtschafteten Überschüssen.

Die Beziehung zwischen dem Inka-Herrscher als dem Repräsentanten des Staates und der Dorfgemeinschaft beruhte nur noch symbolisch auf Gegenseitigkeit. Es mussten in immer höherem Maße Rücklagen geschaffen werden, um alle Beteiligten mit Geschenken versorgen und weitere Eroberungszüge „finanzieren“ zu können. Oftmals außerhalb dorfgemeinschaftlicher Strukturen arbeiteten spezialisierte Handwerkergruppen, wie Weber und Weberinnen, Gold- und Silberschmiede, Töpfer und Steinmetze, ausschließlich für die Bedürfnisse des Inka. All diese Beziehungen waren zumindest dem Anschein nach Teil der traditionellen Gegenseitigkeit. Der Inka-Herrscher gab sich als der großzügige Anführer, der Feste organisierte, in deren Rahmen die sozialen Ungleichheiten kurzzeitig verschwanden. Es wurde wie im Dorf gemeinsam gegessen und getrunken; Geschenke des Inka an seine Untergebenen knüpften symbolische Verwandtschaftsbeziehungen. Die Herrschaftsverhältnisse funktionierten so auf der Grundlage von Gegenseitigkeit und Wiederverteilung.

Nach der spanischen Eroberung wurde die auf Gegenseitigkeit und Wiederverteilung basierende Wirtschaftsform an eine Warenwirtschaft angepasst, die hauptsächlich auf den Abbau von Gold und Silber ausgerichtet war. Die damit verbundenen Veränderungen betrafen langfristig alle Bereiche der Gesellschaft. Die Bergbaugebiete in Peru waren nicht nur Wirtschaftsenklaven, die vorrangig mit dem internationalen Markt verbunden waren. Sondern in diesen Produktionszentren spielte der Warenaustausch selbst eine entscheidende Rolle für die lokalen Wirtschaftseinheiten. In den Dörfern behielt man auch im 16. Jahrhundert noch die Prinzipien von Gegenseitigkeit und Wiederverteilung bei. Durch ihre Einbeziehung in einen internationalen Markt erfuhren auch die Dörfer und kleineren Städte bald grundlegende Veränderungen, die auf die Auflösung der indianischen Organisationsformen gerichtet waren.

 

KN