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„Knochenlesen“ als Grenzüberschreitung. Forensische Anthropologie als Beitrag zur Gewaltverarbeitung und transnationaler Wissenstransfer, am Beispiel des argentinischen EAAF (Mexiko, Spanien)

Projektlaufzeit:
01.03.2015 — 01.12.2015

Die „Verschwundenen“, jene gewaltsam Verschleppten und Ermordeten der lateinamerikanischen Diktaturen, die als Desaparecidos bekannt wurden, sind nicht nur ein Thema der Vergangenheit. Die gegenwärtige Gewalteskalation in Mexiko hat neben vielen Zehntausenden von Toten auch eine große Anzahl – offizielle Schätzungen gehen von mehr als 22.000 aus – neuer „Verschwundener“ hervorgebracht. Zuständig für die Identifizierung namenloser Gebeine ist die forensische Anthropologie. Diese Disziplin wurde in Argentinien vor dreißig Jahren, nach Ende der letzten Militärdiktatur, von einer Gruppe Studierender unter Anleitung eines US-Forensikers gewissermaßen neu erfunden: Es ging nun nicht mehr allein um kriminalistische Arbeit an vorliegenden Knochenteilen, sondern um die aktive Suche nach den Überresten der Opfer, um die Öffnung von Massengräbern und die Rekonstruktion der Lebens- und Todesumstände der Verschleppten. Das Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF) ist heute in nahezu 50 Ländern im Einsatz, auch in Mexiko. Die Organisation hat es hier mit kriminell und nicht primär politisch motiviertem Terror zu tun. Die Herausforderung aber bleibt dieselbe: die Rückholung anonymer Toter in den sozialen Raum und die Sichtbarmachung der Verbrechen, denen sie zum Opfer gefallen sind.

Auch wenn Exhumierungen in Berichten über Transitional Justice-Prozesse stets Erwähnung finden, ist ihr spezifischer Beitrag zur Aufarbeitung von Gewalterfahrungen bislang nicht systematisch erforscht. An dieser Forschungslücke setzt die geplante Pilotstudie an. Am Beispiel des EAAF und zwei internationalen Einsatzgebieten (Mexiko, Spanien) wird untersucht, inwiefern eine solche integrale Forensik zur Gewaltverarbeitung und Erinnerungskulturen von Gesellschaften beitragen kann.

Lateinamerika gilt als weltweit beachtetes erinnerungspolitisches Labor. Hier wird deutlich, dass Gewaltzyklen keinesfalls mit Friedensverträgen und Transitionen zu Demokratie enden, sondern durch „Erinnerungsarbeit“ – im Sinne der argentinischen Soziologin Elizabeth Jelín – verarbeitet werden müssen. Eine spezifische Herausforderung dafür stellt der Modus des gewaltsamen Verschwindenlassens (desaparición forzada) dar. Nicht zufällig hat sich eine menschenrechtsorientierte und regierungsunabhängige Forensik in Lateinamerika herausgebildet. Doch die Beantwortung der folgenden Leitfragen ist auch über den Kontinent hinaus von Bedeutung.

•    Was bedeuten die Identifizierung von Toten und die Aufklärung ihrer Todes-umstände für Angehörige und für das Erinnerungsvermögen einer Gesellschaft?
•    Was bedeutet es, wenn forensische Anthropolog/inn/en zu Erinnerungsakteuren werden, und ‚Wissenschaft‘ damit in soziale oder juristische Erinnerungsprozesse interveniert?
•    Welche Art von Wissen, welche Bilder und Erzählungen werden in der forensischen Praxis erzeugt?
•    Wie ist die forensische Arbeit als Intervention in kulturell verschiedene Gewaltszenarios zu bewerten? Inwiefern kann eine in einem spezifischen Kontext generierte Expertise übertragen werden? Auf welche Komplikationen stößt ein solcher – Zeithorizonte, Konflikt-Typen und Kulturräume überschreitender – Wissenstransfer?

Zunächst werden in der Pilotstudie Kernelemente des interdisziplinären Verständnisses dieser Arbeit und ihrer kulturellen Voraussetzungen herausgearbeitet. Dabei wird die forensische Anthropologie als „kulturelle Praxis“ (Francisco Ferrándiz) verstanden, die von sozio-kulturellen Dynamiken abhängt und auf kulturelle und symbolische Formen der Gewaltverarbeitung zurückwirkt. Daran anschließend folgt die Sondierung zweier kontrastierender Szenarien, in denen das EAAF jeweils interveniert hat. Während es sich im mexikanischen Fall (konkret im nordmexikanischen Ciudad Juarez und im aktuellen Gewaltkonflikt in Südmexiko) um die Gegenwart extremer Gewalt im Kontext organisierter Kriminalität und korrumpierter Staatlichkeit handelt, geht es im spanischen Fall um die über lange Zeit verdrängte Vergangenheit eines politischen Terrorregimes. Hier werden Exhumierungen von Opfern des Franco-Regimes erst seit den 2000er Jahren und nur auf private Initiative von Angehörigen durchgeführt.

Der Frage nach der politischen Wirkmacht von forensischer Anthropologie geht die Pilotstudie mit einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Forschung und ausgewählten qualitativen Methoden (situierte Interviews, Ethnografie, visuelle Aufzeichnungen, Diskurs- und Bildanalyse) nach, in deren Zentrum erinnerungskulturelle Prozesse und soziale Bedeutungen stehen. Ziel der Studie ist es, das Potenzial einer integralen, interdisziplinären und unabhängigen Forensik für soziale Gewaltbearbeitung im Kontext von Transitional Justice auszuloten und zugleich ein breiter angelegtes Forschungsvorhaben zu den oben genannten Fragen vorzubereiten.

(zur Pilotstudie)

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