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Themen und Fallstudien

Pestizide

© hpgruesen (Pixabay

Es besteht eine Kluft zwischen der Laborforschung und Wissenschaft auf der einen Seite, und den tatsächlichen landwirtschaftlichen Praktiken sowie der Realität des multiplen und chronischen Ausgesetzseins von Chemikalien auf der anderen Seite. Aufgrund der Auswirkungen einer solchen Diskrepanz bleiben Agrobiotechnologie und Pestizide umstrittene Technologien, die von sozialen Bewegungen ins Visier genommen werden und bei denen Verbraucher*innen Bedenken äußern. Folglich bieten Pestizide "Denkanstöße" für das Verständnis verschiedener Dimensionen von Ungleichheiten in der Ernährung: chemische Umweltverschmutzung, Verlust der biologischen Vielfalt, Beitrag zum Klimawandel von Chemikalien auf fossiler Brennstoffbasis; Gesundheit (durch Umwelteinflüsse oder Verbrauch); Wissensasymmetrien über Sicherheit und Folgen von Pestiziden; soziale und rassistische Diskriminierung; geschlechtsspezifische Politisierung; und globale Ungleichheiten, da die gefährlichsten Pestizide, die in den Ländern, die sie produzieren, verboten sind, in Entwicklungsländern verkauft werden. Sozialforschung über Pestizide ist von wesentlicher Bedeutung, weil sie Widersprüche im politischen Diskurs aufdeckt. Diese müssen untersucht werden, um die Politik zu verbessern und sicherzustellen, dass die Ziele einer Bioökonomie mit Sicherheit und Integrität erreicht werden.

Fallstudie:

  • Campanha Permanente Contra os Agrotóxicos e Pela Vida (Brasilien)


Tierhaltung und Produktion von tierischen Proteinen

© hazelucyxuan (Pixabay

Die steigende Nachfrage nach tierischem Protein und pflanzlichen Eiweißquellen zur Aufzucht stellt eine Herausforderung für die gegenwärtigen und zukünftigen Bemühungen um die Ernährungssicherheit dar. Die Nationale Forschungsstrategie für Bioökonomie (NRSB) schlägt vor, Technologien für die Tierhaltung zu entwickeln, die wirtschaftlich umsetzbar und effizient für die Landwirt*innen sind, Gerechtigkeit gegenüber den gehaltenen Tieren garantieren und gleichzeitig akzeptabel für die Verbraucher*innen bleiben (BMBF, 2010:20-21, 2014b). Darüber hinaus muss die Tierhaltung ihren Beitrag zum Klimawandel durch die Reduktion der Emission von Treibhausgasen sowie der negativen Umwelteinflüsse der pflanzlichen Eiweißproduktion leisten. Somit verbindet das Thema Tierhaltung komplexe Beziehungen zwischen Ungleichheiten bei der Nahrungsmittelversorgung und wirft verschiedene gesellschaftliche Bedenken auf. Diese werden auf vielfältige Weise zum Ausdruck gebracht: von lokalen Initiativen gegen die Tierzuchtindustrie aufgrund von Umweltverschmutzung (Wasser, Luft, Boden); gesundheitliche Bedenken der Verbraucher*innen im Zusammenhang mit Antibiotika und Hormonen; vegane Bewegungen, die für artenübergreifende Gerechtigkeit kämpfen; und Landwirt*innen, die sich für die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt von Nutztieren einsetzen. Daher ist die Tierhaltung ein wichtiges Feld, von dem aus man sich fragen kann, wie Ernährungssicherheit im Zusammenspiel mit verschiedenen Dimensionen der Gerechtigkeit erreicht werden kann.

Fallstudie:

  • Wir haben es satt (Deutschland)


Agroökologische Lebensmittelnetzwerke

© Renata Mott

Die NRSB fördert die gemeinsame Forschung mit Landwirt*innen und Wissenschaftler*innen aus Entwicklungsländern zur ökologischen Landwirtschaft und zu lokal und regional angepassten Produktionsformen (BMBF, 2010:21-25). Produkte aus der Agrarökologie weisen fast keine Rückstände von chemischen Düngemitteln und Pestiziden auf, und dies sollte auch in anderen Formen der Landwirtschaft angestrebt werden; nur gesunde Tiere können Gesundheit und sichere Produkte für die Verbraucher*innen garantieren (BMBF, 2010:25-28). Durch die Verwendung organischer Erzeugnisse und von Abfallstoffen als Kompost erfüllt die Agrarökologie das Kriterium der abfallfreien Produktion. Darüber hinaus trägt sie durch Initiativen wie dem Austausch von Saatgut und die Pflege agrodiverser Ernährungstraditionen dazu bei, Wissen über eine der wichtigsten Ressourcen der Bioökonomie zu generieren und zu erhalten: die Biodiversität. Kurz gesagt, ausgehend vom Saatgut und durch die Integration von Abfällen veranschaulicht die Agrarökologie, wie eine biomassebasierte Agrarwirtschaft als Kreislaufwirtschaft funktionieren kann.

Es ist allgemein anerkannt, dass Ernährungssicherheit nicht nur eine reine Frage der Produktion ist, sondern komplexe Beziehungen beinhaltet, die bis zur Verteilung und zum Konsum von Nahrungsmitteln reichen. Die NRSB sieht auch vor, dass die individuellen Erwartungen der Verbraucher*innen erkannt und untersucht werden sollten, um neue Marktchancen zu erkennen. In der Tat haben gesellschaftliche Bedenken über Lebensmittel neue Märkte geschaffen, das wichtigste Beispiel des Beitrags der Kritik der Umweltbewegung an Pestiziden zur Bioindustrie. Doch während der Markt für Bioprodukte für wohlhabende Verbraucher*innen wächst, ist er für die meisten Menschen, sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern, bleiben diese Konsumgüter unerschwinglich. Hier sieht man erneut wie sich soziale Ungleichheut anhand des Zugangs zu Lebensmitteln zeigt. Agroökologische Nahrungsmittelnetzwerke kombinieren soziale Innovationen in Produktion, Kommerzialisierung und Vertriebssystemen, die teilweise die Unzulänglichkeiten der Biobranche beheben. Der Blick auf diese Innovationen ist interessant, weil sie kontextsensitiv sind, d.h. es gibt keine Patentlösung zur Erreichung von Ernährungssicherheit (BMBF, 2014b:15). Um uns auf die großen Fragen der Makropolitik, wie die Debatte über Ernährungssicherheit und Klimawandel, einlassen zu können, müssen wir daher mehr über Alltagspolitik und gesellschaftliche Innovationen wie alternative Nahrungsnetzwerke, solidarische Landwirtschaft, die staatliche Beschaffung agrarökologischer und familienbetriebener Produkte und Hausgärten forschen. Die Analyse dieser Netzwerke wirft ein Licht auf soziale Innovationen und gesellschaftliche Akzeptanz, im Gegensatz zu der gemeinsamen Betonung von technologischer Innovation und wirtschaftlichem Erfolg. Kurz gesagt, der gesellschaftliche Übergang zu einer Bioökonomie in Bezug auf Lebensmittel muss sowohl Materie als auch Kultur berücksichtigen, d.h. sowohl die Nutzung der natürlichen Ressourcen als auch ihre Einbettung in soziale Beziehungen.

Fallstudien:

  • Solidarische Landwirtschaft - Solawi (Deutschland)
  • Articulação Nacional de Agroecologica - ANA (Brasilien)
  • Belo Horizonte (Brasilien)


Geschlecht, Umwelt und Ernährung

© Rafael Fernande

Es ist unbestritten, dass Ernährungssicherheit nicht in erster Linie eine Frage der Nahrungsmittelproduktion ist, sondern eines komplexen Systems, das Verarbeitung, Handel, Verteilung und Konsum umfasst. Letzteres darf in einer Welt, in der Hunger mit Unterernährung und Fettleibigkeit koexistiert, von der die Hälfte der Weltbevölkerung betroffen nicht unterschätzt werden. Ernährungssicherheit wird zu einer Frage des Zugangs zu und der Qualität von Nahrungsmitteln (BMBF, 2014b:8). Das bedeutet, dass Ernährungssicherheit ein Thema ist, das auch Ernährungskulturen und Pflegearbeit einschließt. Dies rückt die Bedeutung der Geschlechterdimension bei der Bewältigung der Herausforderungen, "wie man die Welt ernähren kann", in den Vordergrund. Neben der zunehmenden Feminisierung der Arbeit in der Landwirtschaft überlässt eine ungleiche Verteilung der Fürsorgearbeit den Frauen* die meisten Aufgaben der Nahrungsmittelzubereitung. Es überrascht nicht, dass Frauen* die Übergänge zu agroökologischen Landwirtschaftssystemen sowie die Politisierung des Pestizideinsatzes maßgeblich vorangetrieben haben und sich in Bewegungen für gesundheitliche Umweltgerechtigkeit stark machen sowie sich bei der Mobilisierung ganz besonders für das Thema Mutterschaft einsetzen. Tatsächlich beobachten wir eine wachsende Schnittmenge zwischen Feminismus, Umweltschutz und Nahrungsgerechtigkeit.

Fallstudie:

  • Marcha das Margaridas (Brasilien)


Ungleiche Ernährung in Zeiten von Covid-19 

© PIRO4

Auswirkungen von Corona auf das Lebensmittelsystem und die Ungleichheiten bei der Ernährung:

Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf das Lebensmittelsystem und bestehende Ungleichheiten in der Ernährung aus? Um zu dieser Reflexion beizutragen, hat die Forschungsgruppe Food for Justice eine neue Fallstudie in ihre Agenda aufgenommen und untersucht die Folgen der Krise in Brasilien und Deutschland.

Während in Brasilien die Indikatoren zeigen, dass die Ernährungsunsicherheit seit 2017 zunimmt und die Analyse auf eine Verschärfung während der Pandemie hindeutet, insbesondere bei einigen Gruppen wie Frauen, Kindern und Schwarzen, scheinen die besonderen Verletzlichkeiten in Deutschland anders zu sein. Hier gehen wir davon aus, dass Gastarbeiter*innen in der Lebensmittelbranche aufgrund ihres ohnehin schon prekären Status eine der am stärksten gefährdeten Gruppen für Covid-19 sind.

Angesichts der potenziellen Auswirkungen von Covid-19 auf verschiedene Segmente der brasilianischen Bevölkerung verfolgt Food for Justice die Strategie, mit Hilfe einer landesweiten Umfrage, Daten zu erfassen, die die Auswirkungen der Pandemie auf den Lebensmittelkonsum verschiedener Gruppen aufzeigen, um nachzuvollziehen, wie diese die verschiedenen Ebenen der Ungleichheit verstärken. Im deutschen Fall basierend auf der Hypothese, dass die Pandemie vor allem Beschäftigte in der Lebensmittelindustrie betrifft, wird eine qualitative Umfrage durchgeführt, die mehrere Methoden umfasst.

Allgemeine Forschungsfragen:

  • Wie zeigt die Covid-19-Pandemie die Ungleichheiten im Lebensmittelbereich in jedem Land?
  • Wie beeinflussen und formen vorbestehende Ungleichheiten die Nahrungsmittelungleichheiten während und nach der Pandemie?
  • Welches sind die am meisten gefährdeten Gruppen und Sektoren im Ernährungssystem in jedem Land, die durch die Pandemie explizit und sichtbar werden?
  • Verändert Covid-19 und die Maßnahmen zu seiner Bekämpfung das Agrar- und Lebensmittelsystem, und wenn ja, wie?
  • Wie wirkt sich Covid-19 auf die jeweiligen Lebensmittelbewegungen und Aktionen der Aktivisten aus?
  • Welche neuen Praktiken, neuen Solidaritäten und positiven Transformationen hin zu einem fairen und nachhaltigen Lebensmittelsystem konnten als Reaktionen auf die Auswirkungen der Pandemien beobachtet werden?

Fallstudien:

  • Covid-19 und die Marcha das Margaridas (Brasilien)
  • Auswirkungen von Covid-19 auf das brasilianische Lebensmittelsystem (Brasilien)
  • Covid-19 und die Arbeitsmigranten in der deutschen Lebensmittelbranche (Deutschland)

Schlagwörter

  • Agroecological food networks
  • Animal and protein farming
  • Gender, environment and nutrition
  • Pesticides