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Überblick

Die Nachwuchsforscher*innengruppe Food for Justice: Power, Politics and Food Inequalities in a Bioeconomy ist am ZI Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin tätig und wird für die Dauer von 5 Jahren (01.04.2019-30.03.2024) durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Food for Justice zielt darauf ab, einen theoretischen und konzeptionellen Rahmen - basierend auf empirischer Forschung - zu entwickeln, um soziale und politische Initiativen zu analysieren, die sich mit Ungleichheiten aufgrund von Klasse, Geschlecht, Race, ethnischer Zugehörigkeit, Stadt-Land-Dynamiken, Staatsbürgerschaft und kategorischen Unterscheidungen zwischen Menschen und anderen Spazies befassen und so eine ökologische, gerechte und demokratische Ernährungspolitik aufbauen.

Kontext

Bürger*innen nehmen das globale Ernährungssystem immer mehr als Teil der historischen Ursachen der ökologischen Krise und des anhaltenden Hungers in der Welt wahr. Obwohl die kausalen Zusammenhänge schon seit langem bekannt sind (unter anderem das Verwenden von Nahrungsmitteln für Profitzwecke, die Spaltung zwischen Produktion und Konsum, Konflikte um Land und Wasser, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, die Energiematrix und die Abfallerzeugung), tendiert die Forschung über Ernährungssicherheit und Bioökonomie dazu, sich auf die gleichen Lösungen, z.B. der Suche nach technologischen Korrekturen für ein gewinnorientiertes Modell, das lebende Materie ausbeutet, zu verlassen. Um die Debatte zu vertiefen und zu einem sozial-ökologischen Wandel beizutragen, ist mehr Wissen darüber erforderlich, welches Ernährungssystem sich Bürger*innen wünschen, welche alternativen Kenntnisse und Technologien solche Forderungen nach Gerechtigkeit in der Ernährungspolitik bereits erfolgreich umsetzen und wie die öffentliche Politik auf ein gerechtes, demokratisches und ökologisches Ernährungssystem umgelenkt werden kann.

Forschungsfragen

Das umfassendere Forschungsproblem, welches Food for Justice thematisiert, lautet:

Welche Projekte des sozialen Wandels werden derzeit angestrebt oder sind bereits im Gange, um eine Gesellschaft, die auf einer ausbeuterischen Ernährungspolitik basiert, in eine Gesellschaft zu verwandeln, die eine ökologische, gerechte und demokratische Ernährungspolitik fördert?

Dieses breitere Forschungsproblem wird in vier Forschungsfragen näher erläutert:

  • Was sind die zentralen Gerechtigkeitsanforderungen, die Bürger*innen und Verbraucher*innen dazu mobilisieren, Ernährungsungleichheiten anzuprangern und alternative Ernährungspolitiken in verschiedenen Weltregionen zu fordern?
  • Welches Wissen und welche Technologien werden innerhalb der Ernährungsbewegung gefunden, die darauf abzielen Ernährungsungleichheiten zu überwinden und ökologische, faire und demokratische Ernährungspolitik zu gestalten?
  • Wann sind dieses alternativen Wissen und diese Technologien in der Lage Ernährungspolitik im Allgemeinem und öffentliche Politik im Besonderen zu beeinflussen?
  • Inwiefern haben die vielfältigen Krisen (gesundheitlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch) im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie die Ernährungsungleichheiten verschärft und sichtbar gemacht, oder günstige Gelegenheiten für einen Wandel in der Ernährungspolitik geschaffen?

Unsere Herangehensweise

 

Food for Justice führt empirische Forschung in zwei Weltregionen durch: Europa, mit Schwerpunkt Deutschland, und Lateinamerika, vorwiegend in Brasilien. Wann immer möglich, werden auch Fallstudien aus anderen Ländern dieser Weltregionen einbezogen.

Food for Justice ist innerhalb der Debatten der Transformationsforschung zu sozio-ökologischem Wandel in der Tradition der kritischen Sozialwissenschaften eingebettet.

Das Projekt beleuchtet Beiträge zu dieser Forschungsagenda anhand des Themas Lebensmittel und Ernährung. Das Thema wird durch die Perspektive sozialer Bewegungen betrachtet, die sich in der Ernährungspolitik engagieren und hier als Ernährungsbewegungen und Instanzen konzipiert sind, um sozialen Wandel von unten zu betrachten.

Um die Bestrebungen von Ernährungsprojekten zur Umsetzung  solcher allumfassenden Transformationen zu bewerten, stützt sich Food for Justice auf den konzeptionellen Rahmen der global verflochtenen Ungleichheiten (Jelin, Motta und Costa 2017; Boatcă 2016) und entwickelt das Konzept der Ernährungsungleichheiten, die multidimensional, multiskalar, intersektional und dynamisch sind. Die konzeptionelle Entwicklung ist ein zentraler Beitrag des Projekts, indem es Debatten über Transformation mit konzeptionellen Entwicklungen in der Forschung zu sozialen Ungleichheiten verknüpft und dann in der Rolle die Ernährung in sozio-ökologischen Transformationen spielt operationalisiert.

Food for Justice orientiert sich an dekolonialen und feministischen Epistemologien zu Ernährung, Ökologie und Wissensgenerierung. Dies beinhaltet eine epistemologische Haltung, die darauf abzielt, die abstrakten, universellen und unbestimmten Subjekte der sozialen Bewegungen und der Ernährungspolitik zu dezentrieren.

In dem Food for Justice Working Paper 1 sind weitere Informationen zu unserem Forschungsdesign zu finden.

 

Geplante Beiträge und Ergebnisse

Food for Justice strebt folgende akademische Ergebnisse an:

a) einen breiteren Ansatz für die Ernährungssicherheit und die Bioökonomie-Agenda in Deutschland aus der Perspektive der kritischen Sozialwissenschaften zu verfestigen. Dies schließt Forschungsthemen wie soziale Ungleichheiten und sozialen Wandel, und Beiträge von Umweltsoziologie, der Soziologie des Raumes und interdisziplinären Feldern, wie Technologiewissenschaft, Gender Studies, und Decolonial Studies mit ein;

b) zwischen Forschungsfeldern, die oft unter dem Sammelbegriff Food Studies aneinander vorbeigesprochen haben und welche in der Deutschen Wissenschaftslandschaft noch in den Anfängen steckt, zu vermitteln;

c) das Konzept der Ernährungsungleichheiten als einen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Forschung von sozialen Ungleichheiten zu entwickeln;

d) theoretische und methodologische Beiträge zur Transformationsforschung mit einem Fokus auf sozio-ökologischen Wandel zu entwickeln;

e) zur dekolonialen Theorie und Methode beizutragen, indem Fallstudien aus dem Globalen Norden und dem Globalen Süden unter einer dekolonialen und feministischen Perspektive miteinander verknüpft werden.

Food for Justice strebt folgende praxisrelevante Ergebnisse an:

a) gesellschaftlich geforderte und akzeptierte Lösungen für Konflikte zwischen den Zielen der Lebensmittelproduktion, dem Umweltschutz und dem Klimawandel zu ermitteln, da die Landwirtschaft an diesen Schnittpunkten eine ambivalente Rolle spielt;

b) Wissen und Technologien aufzuzeigen, die bereits auf komplexe Probleme reagieren und zum Beispiel abfallfreie, gesunde, umweltfreundliche und gerechte Lebensmittel, die sowohl Hersteller*innen als auch Verbraucher*innen zugutekommen, produzieren;

c) basierend auf empirischen Studien, politisch relevante Herausforderungen und Möglichkeiten für gesellschaftliche Transformationen von Ernährungssystemen mit sozial, ökologischer und globaler Gerechtigkeit, aufzuzeigen;

d) Analysewerkzeuge anzubieten, um die transnationalen Einflüsse der deutschen nationalen Bioökonomischen Strategie zu bewerten, sowie von erfolgreichen Erfahrungen in Südamerika zu lernen, in dem Fallstudien über Weltregionen hinweg systematisch verglichen und deren transnationale Verbindungen nachverfolgt werden.

e) politisch relevante Informationen und Empfehlungen für Kooperationsagenturen in Deutschland, die an Projekten zur Gewährleistung der Ernährungssicherheit arbeiten, bereitzustellen.

Schlagwörter

  • Approach
  • Context
  • Goals
  • Overview