Mexico, Guanajuato

Online-Aktivismus und die Veränderung des Politischen in Lateinamerika

Das Projektseminar

Eine Lawine von Twitter-Einträgen wirft den Wahlkampf in Mexiko aus der Bahn der etablierten Parteien und ihrer Kampagnen. Ein Netzwerk von Bürger-JournalistInnen mischt die lokale Politik in Brasilien auf. BloggerInnen fordern das Medienmonopol des sozialistischen Staates in Kuba heraus. So verschieden diese Phänomene sind, so zeigen sie doch alle eines: In Lateinamerika, wie auch anderswo, verändern sich mit den neuen digitalen Medien die Funktionsweisen von Öffentlichkeit und Politik. Gerade wo die traditionellen Medien wie Fernsehen, Radio und Presse vermachtete Strukturen und vielfältige Filter für den Medienzugang aufweisen, sind über die web-basierten, digitalen Medien neue Formen der politischen Artikulation und Mobilisierung entstanden.

Die TeilnehmerInnen des zweisemestrigen Projektseminars Online-Aktivismus und die Veränderungen des Politischen in Lateinamerika (SoSe 2013 WiSe 2013/14) sind diesen Entwicklungen nachgegangen. Nachdem ein grundlegendes theoretisches Verständnis für die Rolle von Medien und Öffentlichkeit im politischen Prozess sowie den Veränderungen durch die digitalen Kommunikationstechnologien erarbeitet wurde, analysierten die Studierenden konkrete Formen von sozialem Aktivismus: Von Bewegungen, die über die Wortergreifung im digitalen Raum ausgelöst wurden (wie die mexikanischen #YoSoy132- Proteste) oder durch digitale Netze organisiert werden (wie „Meu Rio“ in Brasilien), bis hin zu Fragen, inwieweit die neuen Medien für lokale Widerstandsformen (wie die Friedensgemeinden in den von Gewalt geprägten Regionen Kolumbiens) oder für Proteste gegen korrupte und erstarrte politische Strukturen (wie in der Wahlkampagne für den „Candigato Morris“ in Mexiko) eingesetzt werden.

In den meisten Fällen bedeutete dies Arbeit in unkartiertem Terrain: Die analysierten Phänomene sind oftmals sehr aktuell, so dass kaum wissenschaftliche Sekundärliteratur zur Verfügung steht. Viel empirisches Material lässt sich jedoch über das Internet auch aus der Ferne erschließen. Akteure sind über E-Mails für Interviews zu erreichen, die Entwicklung inhaltlicher Positionen auf Homepages zu erkennen, Diskussionen in Online-Foren oder Twitter-Beiträgen nachzuverfolgen. Dabei wurde deutlich, dass Online-Aktivismus nicht nur digitale Technologien braucht, sondern immer auch konkrete soziale Akteure, die sich engagieren, Solidarität üben, Risiken auf sich nehmen. Auf der anderen Seite gibt es auch kaum noch soziale Akteure, so traditionell sie auch sein mögen, die nicht auch online agieren, ihre Positionen über das Web verbreiten und ihre Mitglieder per E-Mail und Facebook mobilisieren.

So sind bemerkenswerte Arbeiten entstanden, die Einsichten geben, wie in Lateinamerika die digitalen Medien genutzt werden. Es wird den Fragen nachgegangen, ob damit eine „Öffentlichkeit 2.0“ entsteht, die tatsächlich neue Akteure ins Zentrum rückt und andere in den Hintergrund drängt, ob diese neue Strukturen schafft oder nur bestehende auf neuem technologischen Niveau reproduziert, und inwieweit die neuen Medien und digitalen Netzwerke die Dynamik „des Politischen“ in Lateinamerika verändern. Die Antworten fallen verschieden aus; spannend sind die Einblicke in jedem Fall.

Bert Hoffmann

Die Projektarbeiten

Im Rahmen des zweisemestrigen Projektseminars sind folgende Projektarbeiten entstanden: