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Holzkreuz

Ein koloniales Holzkreuz - Zwei Welten versöhnt?

Im kolonialisierten Peru werden Symbole aufgegriffen, die sowohl im indigenen als im christlichen Weltbild von zentraler Bedeutung sind. Die interessante Verbindung zwischen christlicher Religion und indigener Kunst schuf dieses hybride Objekt des kolonialen Peru.

Das Holzkreuz aus Peru des 17. oder 18. Jahrhundert ist mit 28 tokapu bemalt. In der Kreuzmitte ist eine Rosette dargestellt. Der zum Kreuz dazugehörige Untersatz und der Corpus Christi sind nicht mehr erhalten.

Holzkreuz, Peru, vermutlich 17./18. Jahrhundert, Sammlung Centeno, H. 65,0 cm, B. 38,0 cm, VA 8951 © Ethnologisches Museum Berlin

Die aus der inkaischen Ikonographie stammenden tokapu wurden ursprünglich nur auf Textilien, die der Oberschicht vorbehalten waren, dargestellt. Erst nach der spanischen Eroberung fanden sie eine weitere Verbreitung auf anderen rituellen Gegenständen, wie Trinkbechern (keru) und liturgischen Objekten, wie dem Holzkreuz.

Während die Reihenfolge der tokapu auf dem Querbalken eine eindeutige Ordnung erkennen lässt, ist dies bei denen des Längsbalkens keineswegs der Fall. Dort erscheinen Abfolge und farbliche Gestaltung willkürlich. Die visualisierte Gegenüberstellung von Ordnung und Chaos könnte auf den beiden Kreuzbalken zum Ausdruck gebracht worden sein; dabei stünde der horizontale Balken für die Ordnung, der vertikale hingegen für Chaos. Offensichtlich ist hier ein zentraler Gedanke der vorspanischen Kosmologie neu interpretiert worden, indem er in das christliche Weltbild eingefügt wurde.

Die Rosette in der Kreuzmitte erinnert an Rosetten in der christlichen Architektur ebenso wie an das inkaische Herrschersymbol der Sonne. Die Abbildung der Sonne, als Symbol vergangener Herrschaft und religiöser Vorstellungen, war nach der spanischen Eroberung verboten worden. Das Aufgreifen von Symbolen der christlichen Ikonographie, die andinen Symbolen ähnelten, bot eine Möglichkeit dieses Verbot zu umgehen.

Das Holzkreuz als Symbol des Einflusses des religiösen Glaubens mit dieser ungewöhnlichen tokapu- Bemalung kann als sichtbarer Ausdruck der kulturellen Wandlungsprozesse, die mit der spanischen Eroberung Perus in Gang gesetzt wurden, gesehen werden.

 

 

 

Anne Ebert/ ísis Fernandes Pinto