Koloniale unku: im Spannungsfeld der Kulturen

Politische und soziale Veränderungen nach der spanischen Eroberung

Die spanischen Kolonialherren griffen auf den indigenen Adel zur Tributeintreibung zurück. (in Guaman Poma, S. 759, ca. 1615) (© Det Kongelige Bibliotek)

Nach dem Ende der Bürgerkriege zwischen den Spaniern im Anschluss an die Eroberung und dem endgültigen Sieg über die Inka 1572, begann der Vizekönig Toledo das Vizekönigreich Peru zu organisieren und zu reformieren. Die lokalen ethnischen Führungseliten, die caciques, die vormals dem Inka unterstanden und schon bald den christlichen Glauben annahmen, wurden in das koloniale Verwaltungssystem mit einbezogen.

Die caciques leiteten ihre Herkunft von Inkafamilien ab, welche sie in legalen Prozessen, unter anderem über den Besitz von unku, bewiesen. Auch Menschen nicht-inkaischer Abstammung war es über die Konstruktion eines Stammbaums und den Erwerb von unku möglich, sich als inkaischer Adel auszugeben und in Machtpositionen innerhalb des Kolonialsystems aufzurücken. Die spanische Monarchie unter Karl III. erkannte die Nachfahren der Inka als Adel an und gestand ihnen Wappen und andere Privilegien, wie Tributfreiheit, zu. Einen Status den sie in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu nachweisen mussten.  

Die caciques nahmen in der Kolonialzeit eine Vermittlerrolle zwischen den Spaniern und der indigenen Bevölkerung ein. Sie organisierten ihre Gemeinden, um die mit´a, Arbeitsverpflichtungen, die auf traditionellen Gemeindeverpflichtungen basierten, für die Spanier bereitzustellen und einen Überschuss in den Gemeinden für die spanische Krone zu erwirtschaften. Die Erfüllung dieser Aufgaben war Voraussetzung dafür, dass sie weiterhin im Amt blieben.

Bestätigung indigener Identität

Während der Fronleichnamfeierlichkeiten, Corpus Christi, war es den Inkanachfahren möglich, in ihren alten Trachten, wie dem unku, an den öffentlichen Prozessionen teilzunehmen. Im Rahmen dieser mehrere Tage andauernden Feierlichkeiten findet auch das Fest des heiligen Jakob statt. Der als Santiago Mataindios (heiliger Jakob Indiotöter) bekannte Heilige, kam den Spaniern zu Hilfe, als diese in Cuzco von den Truppen Manko Inka belagert wurden. Zuvor hatte dieser Heilige den Spaniern während der Reconquista gegen die Muslime und die Juden zur Seite gestanden. Die Fronleichnamfeier selbst wurde von dem Konzil in Triest (1551) als Fest, das den Triumph des christlichen über den heidnischen Glauben feiert, bestätigt. Den Feierlichkeiten inhärent war die Darstellung nicht-christlicher Elemente, über die Christus siegt. Die Teilnahme der andinen Bevölkerung kann so als Wiederholung der Unterwerfung verstanden werden. Anknüpfungspunkte für verschiedene Interpretationen ergeben sich aus dem zeitlichen Zusammenfall der Fronleichnamfeier mit dem inkaischen Fest des Inti Raymi, das Wintersonnenwendefest der Südhalbkugel. Die Fronleichnamfeiern bildeten so einen Moment der Bestätigung indigener Identitäten innerhalb der kolonialen Gesellschaft. Die Zurschaustellung inkaischer Symbole erregte den Argwohn der spanischen Kolonialherren, die ihr subversives Potential erkannten.


Unku wurden bei festlichen Prozessionen zur Schau getragen. Hier die Rückseite des Unku (VA 4577) des Ethnologischen Museums Berlin. (© Ethnologisches Museum Berlin)

Die während der Feierlichkeiten getragenen kolonialen unku waren in ihrem Stil und ihrer Gestaltung stark an inkaische unku angelehnt. Die inkaische Abstammung sicherte schließlich den Status des andinen Adels innerhalb der kolonialen andinen Gesellschaft. Fundamentale Veränderungen der grundlegenden Elemente waren so nicht möglich, auch wenn es in kulturellen Transformationsprozessen zur Integration neuer Bilder und Symbole in die zuvor existierenden Strukturen kam.

Die Bedeutung der kulturellen identitätsstiftenden Eigenschaften der Textilien wurden von Toledo und später von den „Austreibern des Götzenglaubens“ erkannt. In Anordnungen von Toledo erfolgte das Verbot bestimmter Figuren und Symbole, die weder auf der Kleidung noch auf den keru, noch auf anderen Objekten dargestellt werden sollten.

Unku und die Rebellion des Tupac Amaru II.

An diese historisch bedeutsamen Eigenschaften appellierte Tupac Amaru II. (1780) während des von ihm initiierten Aufstands, als er seine spanische Kleidung gegen einen unku austauschte. Er beanspruchte damit seine inkaische Abstammung und nutzte den Glanz des vergangenen Inkareichs für die Mobilisierung indigener Unterstützung.


Indigener des peruanischen Hochlandes im 18. Jahrhundert (in Martínez Compañón, Vol.2, Estampa 22, ca. 1790) (© Fundación Biblioteca Virtual Miguel de Cervantes)

Nach der Niederschlagung der Rebellion wurden unku im Inkastil aufgrund ihrer subversiven Natur endgültig verboten und jegliche Objekte, wie auch die keru, die Gebräuche oder soziale Traditionen der Inka anriefen, zerstört und die Privilegien des Inkaadels zurückgezogen. Mit dem Verbot der unku 1781 sollte die Identifikation der Indigenen mit den glorifizierten Inkaherrschern unterbunden werden. In der Folge setzte sich der Poncho als gewöhnliches Kleidungsstück der indigenen Bevölkerung durch. 

 

A. E.