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Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 21. Jahrhunderts: der Fall Mexiko im internationalen Kontext

Projektlaufzeit:
16.11.2016 — 15.11.2018

Der Gewaltschock von „Ayotzinapa“, als protestierende Studenten im südmexikanischen Guerrero im Herbst 2014 von Polizeikräften angegriffen und verschleppt wurden, hat die schon seit Jahren anhaltende Gewaltkrise Mexiko landes- wie weltweit in neuer Weise skandalisiert. Damit rückten drei miteinander verschränkte Phänomene ins Zentrum der nationalen wie internationalen Aufmerksamkeit: Die Wiederkehr des ‚gewaltsamen Verschwindenlassen‘ unter dem Vorzeichen einer neuartigen Gewaltdynamik, die massenhafte Existenz klandestiner Grabstätten im Lande und schließlich das Instrumentarium der forensischen Anthropologie, die sich der Exhumierung und Identifizierung toter Körper verschreibt. Nicht zuletzt durch die Arbeit des berühmten argentinischen Forensikerteams EAAF, das den Fall der 43 vermissten Studenten – im Widerstreit zu den mexikanischen Behörden – untersucht, erschien die scheinbar neutrale Forensik erstmals als politisch aufgeladenes Feld.

Diese politische aber auch im weiteren Sinne kulturelle und soziale Wirkmacht der forensischen Anthroplogie steht im Zentrum des auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekts. Untersucht wird im Anschluss an eine 2015 durchgeführte Pilotstudie, zunächst am Beispiel Mexiko aber in internationaler Kontextualisierung, ihr Potenzial für die gesellschaftliche Verarbeitung und Traumabewältigung von Gewaltkonflikten des 21. Jahrhunderts. Dabei verstehen wir forensische Anthropologie als Dispositiv der Sichtbarmachung, die im doppelten Sinne wirkt: als soziale Materialisierung weitgehend unsichtbarer Gewaltzusammenhänge, wie auch als Visualisierung, also der Erzeugung von Bildern, die auf die soziale Imagination von extremer Gewalt einwirkt.

Konkreter Ansatzpunkt der Studie ist ein neu gegründetes Team junger Forensiker, das Equipo Mexicano de Antropología Forense (EMAF), das in Mexiko, dem Vorbild anderer lateinamerikanischer Teams folgend, erstmals eine zivilgesellschaftliche Forensik instituieren will. Eine solche regierungsunabhängige und menschenrechtsorientierte Praxis wurde Mitte der 1980er Jahr zuerst in Argentinien entwickelt und wird seither vom EAAF in vielen Postkonflikt-Szenarien der Welt praktiziert. Dabei geht es stets darum, ehemals Verschwundene wieder als Menschen zu konstituieren und in den sozialen Raum zurückzuholen, die dahinter stehenden Verbrechen/smuster zu rekonstruieren und Angehörigen – gerade gegenüber staatlichen Behörden – zu ihren Rechten zu verhelfen.

Mexiko stellt eine solche Forensik vor neue Herausforderungen. Denn anders als in den bisherigen Diktaturen, Bürgerkriegen und Genoziden Lateinamerikas und anderer Regionen operiert hier nicht mehr der Staat als zentraler Gewaltakteur, sondern ein diversifiziertes Gewaltregime, in dem eine Reihe miteinander (und mit dem Staat) konkurrierende wie auch verflochtene Gewaltakteure systematisch und massenhaft die Entmenschlichung ihrer Opfer betreiben. Eine besondere Herausforderung ist zudem die allseits konstatierte „Kultur der Straflosigkeit“, die das Vertrauen von Gewaltbetroffenen in staatliche Behörden und Ermittlungsverfahren weitgehend erodiert hat. Und schließlich, ein weiterer entscheidender Unterschied zu anderen Szenarien, agieren forensische Anthropologen hier nicht im Nachhinein, sondern nahezu zeitgleich mit den Gewaltakteuren.

Die Studie soll Erkenntnisse darüber liefern, wie eine zivilgesellschaftliche Forensik unter solchen veränderten Bedingungen operieren kann. Bearbeitet werden dafür drei thematische Stränge:

Erstens, die Frage nach Vertrauensbildung als zentrale Ressource forensischen Agierens, kaum weniger bedeutsam für den forensischen Prozess als (kriminal)technische Expertisen. Fokussiert wird in einer beobachtenden Feldbegleitung des EMAF die Interaktion zwischen Gewaltbetroffenen, Forensikern und Behörden. Welche Erwartungen und Vorstellungen (vom Recht, von den Toten) werden dabei formuliert, wie artikuliert sich Misstrauen, wie wird Vertrauen generiert? Auf welche Schwierigkeiten stoßen ethische und professionelle Ansprüche? Welche Möglichkeiten gibt es, Gewaltbetroffene am forensischen Prozess zu beteiligen?

Zweitens, die Rolle transnationaler Wissenstransfers in diesem Prozess: Nachdem in bisherigen Recherchen herausgearbeitet wurde, wie die neue lateinamerikanische Menschenrechtsforensik als transnationales Feld konstituiert ist, wird nun die Rolle ausländischer Experten zur Legitimation gegenüber Familien aber auch gegenüber den Behörden und Öffentlichkeit, genauer beleuchtet (Presskorpora, Expertengespräche). Transnationaler Austausch und Reflexion sollen zudem in einem Workshop befördert werden, zu dem neben dem mexikanischen EMAF auch forensische Expert/innen aus Argentinien geladen werden.

Eine dritte Achse betrifft die Frage nach der Macht und Rolle forensischer Bildlichkeit: Visualität spielt für die soziale Imagination von Verschwundenen, Gewalt und Forensik eine zentrale und zugleich ambivalente Rolle. Hier wird diese Rolle nun genauer untersucht: Welche Bedeutung kommt der Fotografie bei Exhumierung, Identifizierung und Restitution zu, aber auch im medialen oder wissenschaftlichen Bilddiskurs? Wie verhalten sich die ‚Bilder der Toten‘ zu den Bildstrategien von Angehörigen und öffentlichen Protesten? Und vor allem: Was wären mögliche Elemente einer ‚anderen‘ Bildlichkeit und visuellen forensischen Ethik? Diesen Fragen wird mithilfe analytischer Bildlektüren aber auch mit eigenen visuellen Strategien (Fotografie, Video) bei der Feldrecherche wie auch bei der Präsentation der Befunde nachgegangen.

Zur Bearbeitung dieser drei miteinander verschränkten Fragefelder dient ein bereits erprobtes Set kombinierter kulturwissenschaftlicher Methoden: ethnographische Felderkundungen, visuelle Feldzugänge (Bildserien, Videoaufzeichnungen) sowie bild- und diskursanalytische Lektüren. Ergebnisse sollen in Form eines elektronisch verfügbaren Dossiers, einschließlich eines strukturierten, multimedialen Bildarchivs, zugänglich gemacht werden, wie auch in einschlägigen Buch- und Zeitschriftenbeiträgen und mittels einer internationalen Fachtagung.

Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Marianne Braig und Dr. Anne Huffschmid vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Durchgeführt wird das Vorhaben von Dr. Anne Huffschmid (zur CV / zur Homepage).

(zum Projekt)

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