Befreiungstheologie

 

„Die Befreiungstheologie ist ein Zusammenschluss von Ideen, Theorien und Konzepten. Man kann kein genaues Datum, keinen alleinigen Autor oder Denker benennen. Es war eine Explosion an Veränderung, alltäglicher und spiritueller Art“, (7) sagt die kubanische Theologin María López Vigil heute. Damit trifft sie die Eigenart der – oftmals als Theologie der Armen oder lateinamerikanische Theologie bezeichneten – Befreiungstheologie, die in Lateinamerika in den 60er Jahren entstanden war.

 

Diese stand in einem wechselseitigen Verhältnis zu den sozio-politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der Zeit: Zum einen speiste sie sich aus dem Repertoire an neuem Wissen und Erfahrungen, andererseits stellte sie selber einen wichtigen Referenzpunkt vieler in dieser Zeit entstandenen Bewegungen dar. Inhalte der Bibel wurden auf die Lebensrealität in Lateinamerika angewandt, man positionierte sich gegenüber der bis dahin dominierenden europäischen Kirche und entwickelte eine lateinamerikanische Interpretation des christlichen Glaubens.

 

Die Befreiungstheologie versteht sich nach Aussage eines ihrer wichtigsten Vertreter, des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez, selber als eine „kritische Reflexion der historischen Praxis im Licht des Glaubens“ (8). Ihre Autoren sehen sich nicht als „Erfinder“ einer neuen Theologie, sondern als Sprachrohr der Unterdrückten und verwenden ihre Interpretation der biblischen Tradition als Impuls für eine umfassende Gesellschaftskritik. Sie sehen die Befreiung als durchgehendes Hauptthema der Bibel und definieren die Armen und Unterdrückten als zentrale Adressaten dieser Befreiung. Gemeint ist eine Theologie, die von der sozialen Wirklichkeit der Menschen ausgeht und soziale Gerechtigkeit in ihr Zentrum stellt.

 

Um die Entstehung der Befreiungstheologie zu begreifen, bedarf es jedoch weniger einer Auflistung ihrer Vertreter und deren Schriften als viel mehr einer genaueren Betrachtung der damaligen Lebensumstände: Mitte des vergangenen Jahrhunderts stehen nicht wenige lateinamerikanische Länder unter der Führung autoritärer Regime oder repressiver Militärdiktaturen, das Elend ist groß, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit bestimmen das Leben der Menschen. Als Reaktion darauf bildeten sich schon Ende der 50er Jahre die sogenannten Basisgemeinden heraus, vor allem in wirtschaftlichen Randgebieten, wo große soziale Not herrschte. Mitglieder waren meist campesinos, Slumbewohner oder Analphabeten. Innerhalb der Gemeinden wurden die Botschaften der Bibel auf die eigene Lebenswirklichkeit übertragen und die Vision einer urchristlichen Gemeinschaft und Gesellschaftsordnung im Interesse der Armen entworfen. Das Ergebnis war die Idee einer Kirche, die sich nicht länger als Kirche für die Armen, sondern vielmehr als Kirche der Armen verstand: Durch die Ausbildung von Pastoralteams und Laienkatecheten, durch Bibelkurse und andere Aktivitäten sollte den Gläubigen das Bewusstsein vermittelt und die Fähigkeit gegeben werden, selber Kirche zu sein und die wesentlichen Dienste, die eine christliche Gemeinde ausmachen, eigenständig zu übernehmen. Man traf sich ein oder mehrmals in der Woche, man las gemeinsam einen Abschnitt des Evangeliums und diskutierte. In diesen Gemeinden entstanden die Grundideen der Befreiungstheologie.

 

Eine philosophische Auseinandersetzung fand erst später, gegen Ende der 60er Jahre, statt. Auf der II. Allgemeinen lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellín 1968 formulierten „progressive“ Bischöfe das erste Mal die vorrangige Option der Kirche für die Armen, man prangerte die gewaltigen sozialen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika an, stellte sich an die Seite der Unterdrückten und forderte, die Theologie aus dieser Perspektive neu zu verstehen. Im Zentrum stand zudem die Kritik am Missbrauch der Religion und der traditionellen Nähe des Klerus zur Macht („Thron und Altar“). Die Erkenntnis der Theologen gründete auf ihren unmittelbaren Erfahrungen, die sie in den Elendsvierteln und Basisgemeinden gemacht hatten, in denen sie arbeiteten und oft auch lebten.

 

Die Ergebnisse der Bischofskonferenz waren jedoch nicht nur eine Reflektion der Lebenssituation in Lateinamerika, sondern zugleich ein lateinamerikanisches Echo auf die Geschehnisse im Vatikan zu dieser Zeit. Das II. Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 hatte die Erneuerung der Kirche auf allen Ebenen und in allen Bereichen propagiert – eine Reaktion auf die drohende Säkularisierung. Für lateinamerikanische Theologen bot dies den Anlass, sich endlich selbstbestimmte Freiräume innerhalb des Glaubens zu schaffen.

 

Ein wachsender Teil von Christengemeinden und Befreiungstheologen stellte sich auf die Seite der um Befreiung kämpfenden Bewegungen, trat für soziale Gerechtigkeit und politische Reformen ein und katapultierte sich somit ins Visier der herrschenden Militärdiktaturen. In Predigten wurde darüber aufgeklärt, dass Armut und Unterdrückung nicht durch Gott bestimmt seien, die Prediger und Laien unterstützten die Basisgemeinden und einzelne Geistliche – nach Vorbild des kolumbianischen „Guerilla-Priesters“ Camilo Torres – nahmen sogar aktiv an den Befreiungsbewegungen teil und schlossen sich bewaffneten Gruppen an. Camilo Torres wurde bei seinem ersten Gefecht 1966 von der kolumbianischen Armee getötet, nachdem er sich der Befreiungsarmee Ejército de Liberación Nacional (ELN) angeschlossen hatte. Die Kampfansage der Befreiungstheologie blieb nicht ohne Folgen für ihre Anhänger. Nicht nur bewaffnete Kämpfer, auch Nonnen und Priester, die auch nur im Verdacht standen, der Befreiungskirche anzugehören, wurden verfolgt, gefoltert und getötet. Slogans wie „Diene deinem Vaterland – töte einen Priester“ waren an der Tagesordnung. Berühmt geworden ist der Fall des befreiungstheologisch inspirierten Erzbischofs von San Salvador, Óscar Romero, der 1980 während einer Predigt von einem Auftragsmörder der Regierung erschossen wurde.

 

Doch nicht nur in ihrer jeweiligen Heimat stießen die Befreiungstheologen auf massiven Widerstand, auch die konservativen Kreise im Machtzentrum der katholischen Kirche versuchten die neue Theologie der Armen zu zerschlagen. Berufs- und Predigtverbote wurden ausgesprochen und einzelnen Vertretern bisweilen sogar ihre Priesterrechte entzogen – bis zum Ausschluss aus der katholischen Kirche reichten die „erzieherischen“ Maßnahmen. Man rechtfertigte dies mit dem Vorwurf eines „Marxismus in christlicher Tarnung“ und einer drohenden Politisierung der Kirche. Der brasilianische Befreiungstheologe Clodovis Boff reflektierte diese Kritik in seinem 1986 erschienen Buch „Die Befreiung der Armen“ wie folgt: „Gewiss werden vereinzelt Elemente aus dem Marxismus assimiliert. Wenn dies aber geschieht, dann immer aus der Realität heraus. Was dann herauskommt, ist so stark verändert und abgewandelt, dass man es nicht mehr als Marxismus bezeichnen kann, sondern lediglich als ein kritisches Verständnis der Wirklichkeit.“ (9)

 

Dieses kritische Verständnis hinterließ auch in anderen Disziplinen seine Spuren: Neben der Theologie entstanden sowohl eine Pädagogik als auch eine Philosophie der Befreiung. Bei derBefreiungspädagogik, als deren Gründer der Brasilianer Paulo Freire mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ gilt, wird davon ausgegangen, dass Befreiung von Herrschaft durch Bildung möglich ist. Freire entwickelte auch für die UNESCO Methoden der Alphabetisierungsarbeit. Als ein Standardwerk der Befreiungsphilosophie gilt „Die Ethik der Befreiung“ des argentinischen Philosophen Enrique Dussel.

 

Mareike Lühring