Die Kirche in der Kolonialzeit

Kathedrale von Cuzco, Peru
Kathedrale von Cuzco, Peru
Bildquelle: Peggy Goede

Als die Kunde von der Entdeckung neuer Länder nach Spanien drang, hatten die Entdecker und Eroberer neben der Requirierung neuer Besitztümer auch den Auftrag zur Christianisierung der „ungläubigen“ indigenen Bevölkerung. Die Rettung der Seelen bildete die Legitimationsgrundlage für die Eroberungen. Indigenen Oberhäuptern wurde das sogenannte requerimiento auf Spanisch vorgelesen, ein Dokument, das ihnen die Unterwerfung unter Kirche und Krone vorschrieb. Bei Nichtbeachtung sahen sich die Spanier umgehend legitimiert, eine auch gewaltsame „rechtmäßige“ Eroberung durchzuführen.
Auch wenn schon Christoph Kolumbus bei seiner ersten Reise von Franziskanermönchen begleitet wurde, begann die tatsächliche Evangelisierung in der Neuen Welt jedoch erst im Jahre 1500 mit der Errichtung einer Franziskanermission auf der Insel Santo Domingo. 1510 landeten auf Hispaniola (heutiges Haiti und die Dominikanische Republik) drei Dominikaner unter der Führung von Pedro de Córdoba. Dieser beauftragte ein Jahr später Pater Antonio de Montesinos damit, gegen das grausame Verhalten der Kolonisten gegenüber den Indigenen zu predigen. Als Folge dessen wurden 1512 die Gesetze von Burgos zum Schutz der indigenen Bevölkerung erlassen.

Christianisierung
Las Casas tauft Indigene Wandmalerei von Diego Rivera, Nationalpalast Mexiko Stadt
Bildquelle: Ingrid Kummels

Als Verfechter der indigenen Rechte wurde besonders der Dominikaner Bartolomé de las Casas bekannt. 1517 legte er am Hof Karl V. der Vollversammlung seine „Denkschrift für die Westindischen Länder zur Verteidigung der Indianer“ vor und entwickelte darin einen Plan zur gewalt- und waffenfreien Kolonisierung Amerikas. Sein Projekt, dieses Vorhaben in Venezuela zu realisieren, scheiterte jedoch.

1524 begannen die Franziskaner die methodische Evangelisierungsarbeit bei den von Hernán Cortés eroberten Azteken in Mexiko. Kurz darauf folgten ihnen die Augustiner. Nach bescheidenen Anfängen zogen im Laufe der Kolonialzeit immer mehr Ordensangehörige nach Amerika.

Als Francisco Pizarro 1532 nach Peru kam, begleitete ihn der Dominikaner Fray Vicente de Valverde, der die eroberten Völker christianisieren sollte. Die Kleriker steigerten ihre  Präsenz im Andengebiet zunehmend. Zunächst kamen die Dominikaner, Franziskaner und Mercedarier, dann die Augustiner und schließlich die Jesuiten, die sich besonders in Lima und Cuzco etablierten, wo sie bald damit begannen, Kirchen und Klöster aufzubauen.

Allerdings setzten viele Schwierigkeiten der Aufbauarbeit der Missionare Grenzen. Die ersten Jahren waren von Eroberungen und Bürgerkriegen zwischen den Spaniern geprägt, so dass eine effektive Missionierung unter diesen Bedingungen nicht wirklich möglich war. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich auch durch das weite Territorium, das die Spanier in relativ kurzer Zeit erobert hatten. Dem stand eine geringe Anzahl an Missionaren gegenüber. Diese konzentrierten sich darauf, Massentaufen zu absolvieren, gemäß der Prämisse auf diese Weise, zumindest rein formell‚ "so viele Christen wie nur möglich zu schaffen".

Betende Indigene
Indigene Marienverehrung Poma de Ayala, 1615
Bildquelle: Königliche Bibliothek Kopenhagen

Die Indigenen besaßen jedoch eigene komplexe Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen. Hinzu kamen bei vielen die fehlenden spanischen Sprachkenntnisse. Folglich nahmen sie häufig nur bestimmte Teile des Christentums und diese nach eigenen Interpretationen an. Das Interesse, sich Garantien oder Privilegien in einer machtungleichen Situation gegenüber den Spaniern zu sichern, spielte dabei oft eine tragende Rolle. Die diversen und oft in sich geschichteten indigenen Bevölkerungsgruppen griffen zu verschiedenen Strategien. Teile der Bevölkerung schienen in formaler Hinsicht die neue Religion schnell zu übernehmen, doch behielten sie im Stillen ihre alten Religionen und Bräuche bei. Sie täuschten die Spanier, indem sie ihre Götter nach wie vor anbeteten, ihnen jetzt jedoch christliche Namen und Symbole gaben.

Trotz der Unterschiede gab es zwischen den diversen indigenen Kulten und der europäisch-christlichen Religion punktuell auch große Ähnlichkeiten in bestimmten Vorstellungen und Praktiken, was eine Konvertierung erleichterte. Viele der heute gebräuchlichen religiösen Praktiken an Lateinamerika bauen auf diesen synkretistischen Formen  der verschiedenen Religionen  auf.

Iglesia de San Francisco_Altar, Lima
Iglesia de San Francisco, Lima
Bildquelle: Peggy Goede

Die Missionare entdeckten bald, dass die Festlichkeit der christlichen Zeremonien, die prächtige Kleidung der Kirchenmänner und die Musik die Indigenen beeindruckten. Daher hielten sie regelmäßig aufwendige Prozessionen ab und verwendeten auch bei den Messen schöne Gewänder und kostbare Ornamente.

Eine große Schwierigkeit bei der Christianisierung in der Neuen Welt stellte auch die Sprachbarriere dar. Dem bewährten Beispiel aus Europa folgend, dessen Bevölkerung im 15. und 16. Jahrhundert einen hohen Anteil an Analphabeten zählte, setzte die katholische Kirche auch in Amerika die Bildkunst als didaktisches Mittel zur Konvertierung ein. Aus diesem Grund und da die Bilder darüber hinaus der Kontrolle der katholischen Kirche unterlagen, prägten christliche Motive den kolonialen Themenkanon.

Schon kurz nach der Eroberung setzte ein Bauboom ein, dem schon bald eine immer reichhaltigere Kirchenausstattung folgte. Diese wurde zunächst von europäischen, dann aber zunehmend von mestizischen und indigenen Künstlern angefertigt, die ihre eigenen lokalen Stile mit einfließen ließen.

 

Peggy Goede